Terror und Versagen

24. November 2006, 18:46
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Wolfgang Glücks Film „38 – Auch das war Wien“

Die Geschichte Österreichs im Jahr 1938 ist gut dokumentiert. Ein paar Bilder dominieren die Erinnerung an das Ende des Ständestaats und die Eingliederung in das nationalsozialistische Deutschland: Adolf Hitler spricht auf dem Heldenplatz zu einer endlosen Menschenmenge. Juden müssen mit Zahnbürsten das Straßenpflaster in Wien reinigen.

 

Der triumphale Einmarsch des „Führers“ und die Entladung des schon vorher virulenten Antisemitismus sind die beiden bestimmenden Momente. Aber auch im März 1938 gab es in Wien noch ein alltägliches Leben, und für große Teile der jüdischen Bevölkerung war keineswegs sofort klar, dass Emigration der einzige Ausweg war. Davon handelt Wolfgang Glücks Film 38 – Auch das war Wien, nach einem Buch von Friedrich Torberg. Der assimilierte jüdische Intellektuelle und erfolgreiche Dramatiker Martin Hofmann ist verliebt in Carola Hell, eine (arische) Schauspielerin. Ihre Karriere läuft gut, sie soll Emilia Galotti in Berlin spielen, auch der Revuefilm gibt ihr Engagements. Sie schützt ihre vielen beruflichen Reisen vor, als Martin ihr vorschlägt, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, lässt sich aber schließlich dazu überreden.

Der Hausmeister ist ein Mann, der seinen Antisemitismus kaum verhüllt. Die Haushälterin Frau Schostal hingegen ist mit einem Roten verheiratet, der für sein Engagement im Gefängnis sitzt, während der Sohn sich auf die Seite der Nazis schlägt.

Die Geschichte setzt 1937 ein, und entfaltet sich zwischen Wien und Berlin. Während Carola in der Reichshauptstadt erste einschneidende Erfahrungen mit dem Regime und mit den Avancen hoher Nationalsozialisten macht, wird Martin auf seiner Zugfahrt aus dem Abteil geholt und überprüft. Ein befreundeter Verleger versucht, ihn zu warnen – vergeblich, Kunst und Liebe machen in diesem Fall blind. Die Handlung spitzt sich in den Märztagen 1938 zu. Glück versucht zu vermitteln, wie sich die politischen Verhältnisse allmählich radikalisierten und unterschiedliche Individuen darauf reagierten.

Die Kunst ist ein Schlüssel für das Erleben des Naziregimes – sie wird immer stärker instrumentalisiert. Carola Hell ist in der Lage, zwischen ihrer Arbeit und ihrer Funktionalisierung für das System zu unterscheiden.

Sie wirkt wacher als ihr Liebhaber, der eine unpolitische Existenz vorzuziehen scheint. Er steht für jenes kompromissbereite Milieu, das zwar mit dem Nationalsozialismus keine gemeinsame Sache machen wollte und konnte, aber nur zögernd die neue politische Lage auf sich selbst bezog. Aus dieser Evokation eines entscheidenden Moments in der österreichischen Geschichte gewinnt Glück eine Parabel über das Versagen eines Intellektuellen, der sich gern als Mann ohne Eigenschaften durchmogeln möchte, aber an ein Regime gerät, das Eigenschaften tödlich ernst nimmt.

Bert Rebhandl, Ständiger Mitarbeiter des STANDARD, lebt und arbeitet in Berlin.

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