Die kalkulierte Naivität

23. November 2006, 19:35
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Film noir trifft Film Schmäh: Niki Lists „Müllers Büro“

„Männer sind wie Marzipan“: Diese für einen Film der Schwarzen Serie eigentlich unpassende Devise passt hier ganz genau. Die Detektive sind nicht hartgesotten, sondern locker gestrickt. Das Mädchen im Vorzimmer fängt nach Dienstschluss einfach zu singen an. Müllers Büro – ein satirisches Film-noir-Musical aus dem Geist der neuen Welle, die in den 80er- Jahren die Popkultur heimsuchte. Trällermelodien galten plötzlich als cool.

 

Sie lockern eine Geschichte auf, die klassisch zu nennen wäre, wäre da nicht eine wienerische Abgründigkeit. Der Detektiv Max Müller (Christian Schmidt) bekommt von einer Femme fatale (Barbara Rudnik) den Auftrag, ihren Freund Mike zu suchen.

Während Max sich mit seinem Freund Larry an die Arbeit macht, tut sich allerhand in der Wiener Unterwelt, die entfernt an Chicago 1930 erinnert. Manche sachdienlichen Hinweise sind aber ganz zeitgenössisch: „Versuchen Sie es mal in der Blue Box.“ Die Gangsterbosse der Stadt heißen Meier, Montana und Delgado. Montana befehligt eine Truppe von Ledermädchen, von denen sich Max Müller aber nicht einschüchtern lässt. Der weniger mannhafte Larry vergnügt sich inzwischen mit einem Mädchen, woraus sich ein weiterer Hit ergibt: „Ich will mehr“.

Die Handlung von Müllers Büro ist vermutlich komplizierter als The Big Sleep, aber der Film noir hat sich immer viel darauf zugute gehalten, dass nicht alles restlos aufgehen muss. In Niki Lists Spaß-noir geht alles in Gags auf.Müller trägt Fahndungsfotos in der Unterhose, weil die leichten Mädchen dort zuerst hinschauen. Die Femme fatale ist geheimnisvoll, aber nicht zugeknöpft. Zwischendurch werden surreale Oden an den Mond gesungen, und für einen vorletzten Schluck im Neonlicht ist immer Zeit.

Müllers Büro war ein enormer Hit, was damit zu tun hatte, dass es Hits auf mehreren Ebenen gab: Die Musik half dem Film, der Film transportierte die Musik, der Stilmix brachte viele Synergien. Mit einem Bein stand Niki List in der US-Filmgeschichte, als er Müllers Büro konzipierte. Mit dem anderen stand er in der Wiener Kleinkunst, die mit Andreas Vitásek einen wichtigen Vertreter auf die Leinwand brachte. Der Film noir traf den Film Schmäh – eine Kombination, die so nur in Österreich denkbar ist, aber auch das Publikum in Deutschland überzeugte.

Harald Sicheritz hat mit List die Liedtexte geschrieben – kurze Zeilen kalkulierter Naivität: „Weil ich so sexy bin.“ Heute werden die 80er in Nostalgie-Shows im Fernsehen noch einmal ausgebeutet. Müllers Büro zeigte schon damals das Zerrbild der eigenen Epoche: Coolness wird schnell lächerlich, der Kriminalfilm gleitet ins Absurde ab, Wien ist von seinen Klischees umstellt. Müllers Büro hat einige Klischees des klassischen Kinos dazugestellt. Daraus wurde ein Phänomen, das aus der Popmusik bestens bekannt ist: ein „One-Hit-Wonder“.

Bert Rebhandl, Ständiger Mitarbeiter des Standard, lebt als freier Journalist in Berlin.

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