„Bis ich die Erde seh ...“

22. November 2006, 19:31
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Schuberts letzte Stunden in Fritz Lehners „Notturno“

Langsam rückwärts fährt die Kamera durch das Elend und die Verwahrlosung eines Krankenhospizes im Wien des Jahres 1828, fast zieht sie den sterbenskranken Franz Schubert (Udo Samel) hinter sich her; zunehmend panisch fasst er sich in sein Haar, immer größere Büschel lösen sich wie von selbst von seinem Kopf ... Von Beginn an folgt Fritz Lehners Notturno dem Duktus eines bösen Traums, einer Gespenstergeschichte, in der sich der Held zwar von realen Begegnungen heimgesucht sieht, er selbst jedoch nimmt alles wahr, als sei er längst nicht mehr von dieser Welt.

 

Ich will den Boden küssen, / Durchdringen Eis und Schnee / Mit meinen heißen Tränen, / Bis ich die Erde seh’. Erstarrung heißt das Lied im Winterreise- Zyklus, aus dem die (von Wilhelm Müller gedichteten) Zeilen stammen, die Lehners Epos den ursprünglichen Titel gaben: Als viereinhalbstündiger TV-Dreiteiler machte Mit meinen heißen Tränen – auch wegen des devastierten Komponisten- und Biedermeierbildes, das Lehner entwirft, durchaus umstritten – derart Furore, dass der Schweizer Produzent René Letzgus den Regisseur zu einer dreistündigen Kinoversion – neuer Titel: Notturno – ermutigte.

Wirklich zufrieden war Fritz Lehner aber erst mit jenem insgesamt vierstündigen Kino-Zweiteiler, der nun auch auf dieser DVD zu sehen ist: Für Österreich eine echte Premiere – diese Version war hier zu Lande nie im Kino zu sehen. Was aber auch noch nachzuholen wäre: Wenn man Notturno heute wieder betrachtet, frappiert eine melodramatische Kälte, die phasenweise – vor allem dort, wo der zerfallende, den Dienst versagende Körper (Schuberts Hände am Klavier, wie gelähmt) – an David Cronenberg erinnert.

Wie alle großen Geistergeschichten und Melodramen ist auch Notturno nicht zuletzt eine große Abhandlung über Bild- und Wahrnehmungsausschnitte.

Gemeinsam mit Kameramann Gernot Roll leistet Lehner geradezu Wunderdinge, wenn es darum geht, das Wien des frühen 19. Jahrhunderts weniger zu rekonstruieren, als gewissermaßen durch die Schubert’schen Denkund Kompositionsverfahren hindurch zur gewaltigen Seelenlandschaft werden zu lassen, in der sich das historisch Exakte zur Parabel überhöht. Eine der besten Szenen, die in diesem Land je gedreht wurden: Schuberts Bittstellerbesuch in der Schulklasse seines Vaters (Traugott Buhre) – ein geradezu kafkaeskes Moment gegenseitiger Abhängigkeit zwischen richtender Obrigkeit und einem widerständigen Verdammten.

Nach der Betrachtung dieses Meisterwerks wird man vielleicht auch endlich Lehners letzte große Arbeit, Jedermanns Fest, neu würdigen und verstehen: Noch einmal hat Fritz Lehner da einen (noch lebenden, bereits dem Jenseits angehörigen?) Wiedergänger gezeigt, Wien und mithin Österreich als ein Zwischenreich porträtiert, in dem Eros und Tod in grimmigster Erstarrung ineinander verkeilt sind.

Claus Philipp, Kulturressortleiter und Filmkritiker des Standard.

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