Herausforderung, tonlos

21. November 2006, 21:14
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Was Film leisten muss: Fritz Lehner im Gespräch mit Claus Philipp und Sylvia Szely.

Pasolini käme man leicht ins Sprechen über „Meister“. Was hieße für Sie, Meisterschaft erlangt zu haben? Lehner: Wenn ich einen Film zustande bringe, der – ganz gleich wie umstritten amAnfang –mehr und mehr in der Lage ist, sich durchzusetzen und zum kulturellen Bewusstsein der Menschen zu gehören.

 

Gibt es einen Film, bei dem Ihnen das Ihrer Meinung nach gelungen ist? Lehner: Noch nicht, nein. Ansatzweise gibt es Situationen,woich weiß, das hat die Qualität, im Zuschauer möglicherweise jahre- oder jahrzehntelang zu bleiben, aber auch allein von der Verbreitung her – selbst wenn Notturno in vielen Ländern gelaufen ist – kann das noch gar nicht stattgefunden haben. Ich möchte mich in keiner Weise darauf ausreden: Weil wir in Österreich sind, ist das nicht zu schaffen oder kann ich es nicht schaffen. So gesehen, nehme ich die Verantwortung auch vollkommen auf mich. So wie ich auch ein großer Gegner davon bin, über die österreichische Filmsituation zu jammern.Was an Energie verloren geht, durchs Jammern, ist besser angewandt im Überlegen neuer Projekte.

Manch einer, der sagt, das Kino ist seit Antonioni, Bergman, Pasolini nie richtig weitergekommen, formuliert dann als nächsten Satz: Eigentlich hätte ich einmal einen Stummfilm machen wollen. Lehner: Das ist richtig. Das trifft auf mich sofort zu.

Was wäre es für Sie, einen Film nur für die Kamera zu konzipieren? Lehner: Das Problem ist beim Tonfilm, dass er zur Sprache undzumDialog verleitet ...

... obwohl Sie ja eine große Affinität zum Ton entwickelt haben ... Lehner: Weil ich mir gedacht habe: Noch hat den niemand auch nur annähernd genützt. Zumindest bei Notturno hatte ich im zweiten Teil eine Situation, die fast einem Stummfilm entsprach unter Einsatz der Tonspur. Da gab esam Anfang kurz einmal einen Dialog, drei bis vier Sätze. Und dann über mehrere Minuten keinen einzigen. Je weniger vorhanden ist, je mehr man sich reduziert, je mehr man sich an Möglichkeiten wegnimmt, umso mehr ist man angewiesen auf das andere, auf das Eigentliche.

Wenn einem bestimmte Bereiche des Möglichen genommen werden – wie beim Film der Ton zum Beispiel –, muss man zwangsläufig auf das, was einem verblieben ist, Bedacht nehmen. Darum ist natürlich der Stummfilm die denkbar größte Herausforderung. Und darum gab es in der Stummfilmzeit unvergleichlich raffiniertere Kürzel und Bögen und auch Erzählformen, als sie heute existieren – nämlich dem Medium spezifisch entsprechende Erzählformen.

Für mich ist es nicht richtig, wenn der Film das leistet, was das Theater kann oder was die Literatur kann. Der Film muss das leisten, was keine andere Form zustande bringt. Das Interview erschien in „Fritz Lehner“, herausgegeben von Sylvia Szely, Sonderzahl Verlag 2002 Fritz Lehner, geboren 1948 in Freistadt absolvierte die Wiener Filmakademie, er ist Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, Frankfurt.

Filme (Auswahl): „Freistadt“ (1976), „Sprachgestört“ (1977), „Edwards Film“ (1977), „Der Jagdgast“ (1978), „Das Dorf an der Grenze“ Teile 1–3 (1979/1982/1983), „Schöne Tage“ (1981), „Mit meinen heißen Tränen“ (1986), „Jedermanns Fest“ (1996/2002). „Notturno“ ist die zweiteilige Kinoversion von „Mit meinen heißen Tränen“ und wird hier erstmals auf DVD präsentiert.

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