Dieser Bericht ist schwul!

13. Oktober 2006, 11:05
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Erst ein Fußballprofi hat es gewagt, sein Schwul­sein öffentlich zu mach­en. Für viele Kicker und Funktionäre ist Homo­sexualität im Fußball weiterhin Tabu und Basis für Diskriminierung

»I am gay« – mit dieser Schlagzeile schrieb die britische Boulevardzeitung »The Sun« im Oktober 1990 Geschichte. Der Schwule, der diese Schlagzeile lieferte, war der schwarze Fußballprofi Justin Fashanu. 80.000 Pfund erhielt er für das Geständnis. Der nigerianisch-stämmige Brite, dessen Stürmerstern Ende der 70er-Jahre bei Norwich City aufgegangen war, hatte nach einem Jahrzehnt im Geschäft genug von den Ausflüchten und Lügen. Er wollte ein Zeichen setzen gegen die Intoleranz der Gesellschaft. Bei seiner öffentlichen Erklärung spielte Geld eine untergeordnete Rolle, obwohl seine viel versprechende Karriere nicht zuletzt auf Grund einer schweren Knieverletzung bereits den Bach hinunter gegangen war. Sein Bruder, der englische Nationalspieler John Fashanu, hatte ihm die gleiche Summe wie die »Sun« angeboten, wenn er sein Geständnis für sich behalten würde.

Mit einem Outing hatte der charismatische Angreifer schon Jahre zuvor, während seines glücklosen Engagements bei Nottingham Forest und Streitigkeiten mit Manager Brian Clough, spekuliert. Aber erst ein Todesfall in Fashanus unmittelbarem Umfeld wurde zum Auslöser. Ein junger Freund hatte Selbstmord begangen, nachdem ihn die Eltern wegen seiner Homosexualität vor die Tür gesetzt hatten. »Ich war erbost über den Verlust seines Lebens und fühlte mich schuldig, weil ich ihm nicht hatte helfen können«, schrieb Fashanu 1994. »Ich wollte etwas Positives tun, um weitere solche Todesfälle zu verhindern.«

Tod durch Selbstmord

Vier Jahre später fand Justin Fashanus Leben ein ganz ähnliches Ende: Am 2. Mai 1998 erhängte sich der 37-Jährige in einer Garage im Londoner Stadtteil Shoreditch. Zuvor war er überstürzt aus den USA abgereist, wo er als Jugendtrainer gearbeitet hatte. Ein 17-jähriger Schützling hatte ihn nach einem Saufgelage der Vergewaltigung bezichtigt, die Polizei ermittelte. Nach dem Untertauchen in der Heimat hörte Fashanu, dass er per internationalem Haftbefehl gesucht werde. Eine Falschmeldung, wie sich später heraus stellte. Die US-Behörden hatten den Fall aus Mangel an Beweisen bereits zu den Akten gelegt.

In seinem Abschiedsbrief erklärte Fashanu, der Junge habe »bereitwillig mit ihm Sex gehabt«. Er habe aber befürchtet, wegen seiner Homosexualität kein faires Verfahren zu bekommen. Eine Angst, die durch viele schmerzliche Erfahrungen genährt worden war. Nach seinem Outing war Fashanu aus der schwarzen Community eine Welle von Unverständnis und Verachtung entgegen geschlagen. Sein Bruder bezeichnete ihn in einem Zeitungsinterview als »Ausgestoßenen«. Die Ablehnung traf Fashanu schwer. Er kämpfte mit psychischen Problemen, hatte Schulden und wurde unglaubwürdig, weil er dem Boulevard Geschichten über Affären mit Politikern verkaufte, die er nie gehabt hatte. Einer seiner wenigen langjährigen Freunde, der Menschrechts- und Homosexuellen-Aktivist Peter Tatchell, erklärte später, die Homophobie habe Fashanu zerstört.

25 schwule Bundesliga-Kicker

Justin Fashanus Outing ist bis heute das einzige eines schwulen Profifußballers geblieben. Weltweit, quer durch alle Ligen. Obwohl die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexuellen in vielen Ländern seither zugenommen hat, ist die Fußballwelt laut dem schwulen FC St. Pauli-Präsidenten Corny Littmann von einem Kicker-Outing noch mindestens zehn Jahre entfernt. Statistisch gesehen sind zumindest fünf Prozent der Bevölkerung homosexuell. Überträgt man diese Quote auf die rund 500 in Österreich tätigen Profikicker, ergäbe sich alleine hierzulande eine theoretische Zahl von 25 schwulen Fußballern, in Deutschland müssten es annähernd vier Mal so viele sein. ATV-Fußballmoderator und Ex-Kicker Volker Piesczek ist daher auch »überzeugt, dass es in Österreich schwule Fußballer gibt.« Auf die Frage, ob er persönlich welche kenne, weicht er aus: »Ich würde mich hüten, einen Namen zu nennen. Jeder muss selbst entscheiden, ob er damit an die Öffentlichkeit gehen will.«

Noch ist die Angst zu groß, diesen entscheidenden Schritt zu setzen. Um unverdächtig zu erscheinen, würde mancher Kicker gar ein Doppelleben führen, meint Piesczek. Für die Angst vor dem Outing zeigt er aber Verständnis: »Dazu bräuchte es extremen Mut.« Und auch der würde einem durchschnittlichen Profi nicht helfen. »Ich habe es auf 30 Spiele in der ersten Liga und 80 in der zweiten gebracht. Angenommen ich wäre schwul, dann hätte ein Outing mein Karriereende bedeutet«, erklärt der Ex-Profi. »Es müsste ein Star sein, jemand, der auch international spielt. Aber selbst ein solches Aushängeschild wäre vor Angriffen nicht gefeit.«

»Natürlich würde ein Spieler, der sich outet, im Stadion als ‚schwule Sau’ beschimpft«, meint auch Dirk Alex, Vorstand der European Gay and Lesbian Sports Federation (EGLSF). »Darauf muss er vorbereitet sein, weil es immer Idioten auf der Welt gibt.« Allerdings glaubt der Berliner auch, »dass da sehr viel Angst mitschwingt, die unbegründet ist.« Die Bevölkerung in Deutschland sei durchaus so weit, homosexuelle Kicker zu akzeptieren.

In der teils homophoben Fankultur sieht Alex kein nachhaltiges Problem. »Ich glaube, dass die Fans durchaus bereit sind. Die meisten haben einen Schwulen oder eine Lesbe im Bekannten- oder Familienkreis. Ob ihnen das gefällt oder nicht, ist natürlich eine individuelle Frage.« Sind die Fans homophober als die Gesamtbevölkerung? »Mit solchen Aussagen bin ich vorsichtig. Vielleicht sind sie aggressiver in der Form, wie sie es vorbringen«, sagt der EGLSF-Sprecher.

Angesprochen auf eine Reportage des deutschen Fußballmagazins »Rund«, in der ein schwuler Kicker anonymisiert über sein Doppelleben berichtete, meint Alex: »Solche Spieler muss man unterstützen. Wenn einer schon hingeht und anonymisiert ein Interview gibt, dann ist der reif für sein Outing. Er möchte raus damit, traut sich nur noch nicht.«

Eigene Dynamik, schlechte Erziehung

Was gibt aber den Ausschlag, dass sich Fußballer im Gegensatz zu anderen Sportlern nicht zu ihrer Homosexualität bekennen? Piesczek: »Fußball ist ein Mannschaftssport. Das bringt eine eigene Dynamik mit sich. Martina Navratilova konnte sich im Tennis outen. Vielleicht hatte sie vor oder nach dem Spiel Probleme damit, auf dem Platz war sie aber die Beste. Im Fußball ist man von Mitspielern abhängig. Und das ist dann eine Erziehungsfrage, wie die dazu stehen.«

Keine besonders tolerante Erziehung dürfte Toni Ehmann genossen haben. Im September 2004 bezeichnete der damalige GAK-Kicker seinen Gegenspieler Ivica Vastic nach dem Match gegen die Austria indirekt als »Warmen«, der unfair spiele und die ganze Zeit hinfalle. Mittlerweile verdienen sowohl Vastic als auch Ehmann ihr Gehalt beim LASK. Der ehemalige ÖFB-Stürmer über sein aktuelles Verhältnis zu Ehmann: »Er ist mein Teamkollege, wir haben diese Aussagen nicht mehr thematisiert. Was ihn damals dazu bewogen hat, kann ich nicht beurteilen. Er hat sich damit aber selbst am meisten geschadet.« Eine etwas defensive Sicht des Stürmers. Schließlich hat Schalke-Keeper Frank Rost der Sager, er würde sicherheitshalber immer »mit dem Rücken zur Wand duschen«, auch nicht nachhaltig unpopulär gemacht.

Helge Payer schweigt

Dass das Thema Homosexualität gerade unter Kickern immer noch ein heißes Eisen darstellt, zeigte eine Anfrage bei Helge Payer. Der Rapid-Keeper beteiligte sich zwar als Model an einer Kampagne der Aids-Hilfe Wien, gegenüber dem ballestererfm wollte er aber nicht dazu Stellung nehmen. Dabei waren die Payer-Poster gerade bei schwulen Jugendlichen gut angekommen.

Für homophobe Schlagzeilen sorgen immer wieder auch Funktionäre und Trainer. Lewski Sofia-Präsident Todor Batkov etwa meinte nach der UEFA-Cup-Niederlage gegen Schalke 04 im März 2006 über den Referee Mike Riley: »Dieser britische Homosexuelle hat das Spiel zerstört.« Anlass war eine Gelb-Rote Karte für einen Lewski-Spieler. Batkow wurde für zwei UEFA-Bewerbsspiele gesperrt und zu einer Geldstrafe von 5.000 Schweizer Franken verurteilt. Lewski musste weitere 10.000 Franken zahlen.

Ex-ÖFB-Teamchef Otto Baric brauchte nicht einmal einen besonderen Anlass, um homophobe Statements von sich zu geben. Gegenüber der Zeitung »Jutarnji List« meinte der Kroatien-Coach im Vorfeld der EM 2004: »Ich weiß, dass es in meiner Mannschaft keine Homosexuellen gibt. Ich erkenne einen Schwulen innerhalb von zehn Minuten, und ich möchte sie nicht in meinem Team haben.« Weil Baric danach kein Traineramt bekleidete, sah sich die UEFA zunächst außer Stande, ihn an der Nase zu nehmen. Nach seiner Ernennung zum albanischen Teamchef im Juni 2006 wurde der Kroate nun aber doch zu einer Geldstrafe von 5.000 Euro verurteilt.

Zehn Vereine, fünf Antworten

Trotzdem sind vor allem die Homosexuellen-Organisationen weiterhin unzufrieden mit den großen Fußball-Verbänden. Dirk Alex berichtet beispielhaft über die Vorbereitungen zu den Berliner »Respect Gaymes«, einem Projekt, bei dem homo- und heterosexuelle Teams antreten: »Ich habe FIFA, UEFA und DFB angeschrieben, ob sie uns unterstützen. Kein Verband hat geantwortet. Keiner! Dabei ist das Konzept so integrativ, dass es niemand ablehnen kann. Da sieht man, was für konservative Knochen noch in all diesen Organisationen sitzen.« In Zusammenarbeit mit dem Netzwerk FARE (Football Against Racism in Europe) hat es die EGLSF immerhin geschafft, dass Homophobie im neuen »Good Practice Guide« der UEFA erstmals angesprochen wird. Damit sich auch die Fans Homosexuellen gegenüber aufgeschlossener verhalten, muss laut Alex in erster Linie Aufklärung von oben betrieben werden, am besten über Vorbilder. »Man verpulvert viel Energie, wenn man im Olympiastadion ein Transparent aufhängt, auf dem steht: ‚Seid nett zueinander, Diskriminierung ist schlecht’ – damit erreichst du aber nicht viel. Du brauchst Leute wie den DFB-Präsidenten oder den Manager von Hertha BSC oder Spieler, die sich dafür einsetzen.«

Die Vereine der österreichischen Bundesliga und deren Funktionäre sind gegen Homophobie bisher praktisch nicht aufgetreten. Auf eine Befragung des ballestererfm unter allen Erstligisten bezüglich einer zukünftigen Bereitschaft antworteten nur Rapid, Austria, Wacker Innsbruck, Mattersburg und Ried. Von den restlichen fünf Klubs gab es keine Reaktion. Antidiskriminierungsrichtlinien in ihren Statuten haben lediglich die Austria und die Innsbrucker, wobei nur bei den Veilchen auch explizit auf die sexuelle Orientierung eingegangen wird. Austria-Fanbetreuer Martin Schwarzlantner war auch der einzige Klubvertreter, der das Vorkommen von homophoben Sprechchören im eigenen Stadion eingestehen wollte. Mattersburg-Präsident und Bundesliga-Chef Martin Pucher hingegen antwortete auf die Frage, ob es nach dem Vorbild antirassistischer Initiativen auch Kampagnen gegen Schwulenfeindlichkeit geben sollte, er sehe dazu keine Notwendigkeit. Nimmt man das als Gradmesser für die Aufgeschlossenheit der heimischen Kicker-Szene dürfte es noch lange dauern bis zum ersten Outing eines schwulen Fußballers in Österreich.

Von Reinhard Krennhuber (Mitarbeit: Klaus Federmair und Georg Spitaler)

Veranstaltungen

12. Oktober: Club 2x11 – die Fußballdiskussion

„Kritischer Fußballjournalismus vs. Hofberichterstattung“

Es diskutieren: Johann Skocek (Der Standard), Christoph Biermann (Der Spiegel, taz und 11Freunde), Christoph Wikus (Neue Kronen Zeitung), Rainer Fleckl (Kurier) und Peter Klinglmüller (Pressesprecher ÖFB)

Moderation: Armin Thurnher (Falter)

Hauptbücherei am Gürtel (Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien) Veranstaltungssaal (3. Stock) Beginn: 19 Uhr – Eintritt frei!

19. Oktober: Präsentationsparty

Conqueer (Große Neugasse 31, 1040 Wien) Beginn: 20 Uhr – Eintritt frei!

  • Justin Fashanu (* 19. Februar 1961 in Kensington; † 2. Mai 1998 in Shoreditch)
    foto: brighton & hove albion

    Justin Fashanu (* 19. Februar 1961 in Kensington; † 2. Mai 1998 in Shoreditch)

  • Inhalt der neuen Ausgabe (ballesterer fm, Nr. 24, Okt./Nov. 2006)

Schwerpunkt: 
Homosexualität im Fußball
Interview: 
Austria-Fan, Unterliga-Kicker Muhamed M.
Queergepasst: 
Schwule Fans in Wien, Hamburg und Berlin 
Posthumes Outing: 
Das Geheimnis des Heinz Bonn 
Lesbische Kickerinnen: 
Zwischen Klischee und Wirklichkeit 
Fotoroman: 
Otto B. und Rudi Q. finden ihr Glück 
Männlichkeit: 
Was blieb vom Pastern-Skandal? 

Außerdem im neuen Heft:
Hütteldorf: 
Rapid-Legende Bjerregaard im Porträt
Döbling: 
Der Nicht-Aufstieg der Vienna als Film
Ungarn: 
Wer hat Schuld am Ferencvaros-Niedergang?
Spanien: 
»Kicker«-Korrespondent Harald Irnberger im Interview
Schweiz: 
Fans kippen Sicherheits-Maßnahmen der Liga
Schottland: 
Verhaltenscodex für Celtic- und Rangers-Fans 
Italien: 
In der Serie B dreht sich nicht alles um Juve

    Inhalt der neuen Ausgabe (ballesterer fm, Nr. 24, Okt./Nov. 2006)

    Schwerpunkt: Homosexualität im Fußball

    Interview:
    Austria-Fan, Unterliga-Kicker Muhamed M.
    Queergepasst:
    Schwule Fans in Wien, Hamburg und Berlin
    Posthumes Outing:
    Das Geheimnis des Heinz Bonn
    Lesbische Kickerinnen:
    Zwischen Klischee und Wirklichkeit
    Fotoroman:
    Otto B. und Rudi Q. finden ihr Glück
    Männlichkeit:
    Was blieb vom Pastern-Skandal?

    Außerdem im neuen Heft:

    Hütteldorf:
    Rapid-Legende Bjerregaard im Porträt
    Döbling:
    Der Nicht-Aufstieg der Vienna als Film
    Ungarn:
    Wer hat Schuld am Ferencvaros-Niedergang?
    Spanien:
    »Kicker«-Korrespondent Harald Irnberger im Interview
    Schweiz:
    Fans kippen Sicherheits-Maßnahmen der Liga
    Schottland:
    Verhaltenscodex für Celtic- und Rangers-Fans
    Italien:
    In der Serie B dreht sich nicht alles um Juve

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