Rebellen gegen die Enge

20. November 2006, 19:55
posten

Amoklauf und Absurdität: „Die Ausgesperrten“

Wien, zu Beginn der 80er-Jahre. Nach einem endlosen Winterschlaf ist die Stadt zu neuem Leben erwacht. Exzentrisch gekleidete Jugendliche prägen das Straßenbild. Manche von ihnen haben gerade eine eigene Band gegründet und schreiben Songs mit deutschen Texten.

 

All die schönen Dinge, die früher Domäne der Amerikaner waren, können von nun an ebenso im eigenen kleinen Land hergestellt werden: Platten, modische Kleidung, und nicht zuletzt auch Filme. Schon kurze Zeit, nachdem das österreichische Filmförderungsgesetz in Kraft getreten ist, kommt es zu ersten repräsentativen Ergebnissen. Zeitgeistaktive Hochglanzmagazine sind voll mit Portraits über angehende heimische Stars und Branchen- Newcomer. Ganz an der Spitze wird das neueste OEuvre von Franz Novotny gehandelt: Die Ausgesperrten, nach einem Roman von Elfriede Jelinek: Ein junger Mann rebelliert als Verfasser morbider Gedichte und als Anführer einer Straßenbande gegen die stickige, kleinbürgerliche Enge der 50er-Jahre – und läuft Amok, als er die Hilflosigkeit seines Handelns erkennt.

Franz Novotny vermied es peinlichst, für das jugendliche Publikum aus Teds, Mods und Poppern attraktive, aber verlogene „Viennese-Graffiti“ in Bonbonfarben zu malen. Sein Stadtbild ist nicht von den Insignien und Ikonen einer flotten 50er-Jahre-Mode beherrscht, sondern vom Mief der Nachkriegszeit.

Damit hat der Regisseur falsche Erwartungen auf kühne und ehrenhafte Weise sabotiert: „Mein erster Film Exit war ein großer Publikumserfolg, Die Ausgesperrten waren ein Presseerfolg, was nicht viel nutzte, weil ich ihn leider viel zu elitär gemacht habe. Bei meiner dritten Arbeit Coconuts habe ich versucht, eine spekulativ gemeinte Synthese aus beiden Filmen zu schaffen – In der Zwischenzeit weiß ich, dass man nie spekulativ denken, sondern immer nur das machen sollte, was man machen will.“ (Reinhard Jud, 1989 im Standard)

„Für Prosa wie Film Die Ausgesperrten trifft zu, dass der Klartext im Subtext zur Sprache kommt. Elfriede Jelinek und Franz Novotny bedienen sich bevorzugt des Vokabulars der Ironie. An der vorgeführten Tragödie, die auf eine wahre Begebenheit Ende der Fünfzigerjahre zurückgeht, interessiert nicht der Einzelfall oder das konkrete Schicksal, sondern die Typologie, weil sie Aufschluss über die Geistesverfassung der Gegenwartsgesellschaft gibt. Elfriede Jelinek in Blauer Streusand: „Jeder, der glaubt, noch individuell handeln zu können, unterliegt einem grundlegenden Irrtum, meine ich. Man kann Personen ja eigentlich nur noch als Zombies auftreten lassen oder als Vertreter einer Ideologie oder als Typenträger oder als Bedeutungsträger oder wie man sie nennen will, aber nicht mehr als runde Menschen mit Freud und Leid und der ganze Käse, das ist vorbei, ein für allemal.“ (Yvonne Spielmann in Der neue österreichische Film, 1996 im Wespennest Verlag herausgegeben von Gottfried Schlemmer.)

Sie werden zum STANDARD-Shop weitergeleitet. Bestellung, Versand und Verrechnung werden von Hoanzl durchgeführt. Beim STANDARD-Shop registrierte STANDARD-Abonnenten zahlen ab der ersten DVD keine Versandkosten.

  • Artikelbild
Share if you care.