Aufbruch ins Ungewisse

20. November 2006, 19:55
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Schlüsselwerk des Austrofilms: „Die Ausgesperrten“

Ein Hakenkreuzweg in Wien im Jahr 1959: Franz Novotnys Verfilmung von Elfriede JelineksRoman Die Ausgesperrten hat einen Prolog im Zeichen des Nazifilms. Aus dem Krieg hat Otto Witkowski (Rudolf Wessely) ein Holzbein und eine ungeheure Wut mitgebracht. Er schreit und prügelt auf seine Frau ein, in besseren Momenten gebraucht er sie als Fotomodell für seine SM-Inszenierungen.

 

Die Wut hat sich auf die Kinder übertragen. Rainer Maria „Burli“ Witkowski (Paulus Manker) ist ein Nihilist im schwarzen Pullover. Er schreibt Gedichte und exzerpiert die Philosophen, dabei interessieren ihn aber nur Stellen, nach denen alles erlaubt ist.

Seine Schwester Anna spielt Klavier und erbricht sich häufig auf dem Klo. Bruder und Schwester wurden während des Krieges gezeugt, noch jetzt bilden sie eine Schicksalsgemeinschaft.

Zusammen mit der höheren Tochter Sophie Pachhofen und dem Abendmaturanten Hans Sepp sind sie die Ausgesperrten, die erste österreichische Generation nach dem Krieg, die nach einer Form für ihre Wut sucht. Sophie, die immer einen weißen Pelzmantel trägt, borgt sich die Wut bei ihren Freunden. Für sie sind die kleinen Übergriffe und Überfälle, mit denen Rainer sich über die „Durchschnittsmenschen“ hinwegsetzen will, nur ein Zwischenspiel. Sophie führt nicht nur das sexuelle Kommando, sie hegt auch – entsprechend ihrer Herkunft aus dem Milieu der Besitzer der Produktionsmittel – größere Pläne der Zerstörung, von denen sie aber jederzeit ablassen kann, wenn ihr etwas Besseres einfällt.

Elfriede Jelinek, die am Drehbuch mitgearbeitet hat, tritt selbst als Lehrerin in Die Ausgesperrten auf. Sie versucht, Adalbert Stifter und das Jahr 1848 unter einen Hut zu bringen – schon damals war der Tod die einzige Form des Protests. Die Sexualität erscheint nur kurzfristig als Ausweg.

In Wahrheit agieren die Ausgesperrten bei all ihren Selbstversuchen und Mutproben nur ihre Aussperrung aus – der dreckige Wienfluss ist ihr Reich der Freiheit, hier können sie ein gestohlenes Moped anzünden und die Katze von Sophie ersäufen, an der Rainer in Wahrheit doch hängt.

In das kulturelle Durcheinander des Jahres 1959, als Jazz noch als „Negermusik“ galt und beim Schulfest Vivaldi gespielt wurde, bringen auch die Ausgesperrten keine Ordnung. Sie sind Aktionisten ohne Plan. Für den Anschluss an die ersten modernen Bewegungen in der Zweiten Republik kommen sie um den entscheidenden Moment zu früh. Das Stipendium für ein Jahr nach Amerika geht am Ende erst recht wieder an Sophie und nicht an Anna, die sich von diesem Aufbruch ins Ungewisse alles erwartet hatte.

Die Ausgesperrten – ein Schlüsselwerk des neuen österreichischen Films. Jelineks sprachliche Verfremdung holt Franz Novotny durch eine Inszenierung ein, die deutlich ins Absurde tendiert. Dem Nationalsozialismus wurde mit Verspätung der Garaus gemacht.

Bert Rebhandl, Ständiger Mitarbeiter des Standard, lebt als freier Journalist in Berlin

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