Politkowskaja-Beisetzung ohne Offizielle

16. Oktober 2006, 14:30
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Russische Ermittler entdeckten den Namen der ermordeten Journalistin auf Listen nationalistischer Gruppierungen

Das kühle Grau des Nordens lag auch am Dienstag über Russlands Hauptstadt. Während Präsident Vladimir Putin über der Wolkendecke zu Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel nach Dresden flog, versammelten sich in Moskau tausende Menschen, um auf dem Friedhof Trojekurowskoje Abschied von Anna Politkowskaja zu nehmen. Vor zwei Wochen war dort ihr Vater begraben worden. Die 48-jährige Journalistin, die mit ihren mutigen Enthüllungen über Menschenrechtsverletzungen vor allem im Tschetschenienkrieg weltbekannt geworden war, war am Samstag von einem Auftragsmörder erschossen worden.

Unter den Trauergästen fanden sich zahlreiche Journalisten und Diplomaten. Demgegenüber glänzten hochrangige Vertreter der russischen Staatsmacht durch Abwesenheit. Putin selbst hatte erst zwei Tage nach der Ermordung sein Schweigen gebrochen und in einem Telefonat mit US-Präsident George Bush „alle nötigen Anstrengungen zur objektiven Aufklärung des tragischen Unglücks“ versprochen. Erfahrungen mit früheren Morden an Journalisten lassen indes nicht viel Hoffnung aufkommen.

Keine heiße Spur

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Tat in Verbindung mit Politkowskajas beruflicher Tätigkeit steht. Eine heiße Spur zu den Tätern fehlte auch am Dienstag. Laut Zeitung Kommersant geht die Polizei davon aus, dass Politkowskaja am Samstag von mehreren Komplizen des Auftragsmörders beschattet wurde.

Die Ermittler verfolgen drei Hauptversionen des Tathintergrundes: die Rache von Polizisten, die Politkowskaja mit Enthüllungen hinter Gitter brachte; eine Verschwörungstat zur Kompromittierung Putins und des tschetschenischen Premiers Ramsan Kadyrow; oder die Rache tschetschenischer Widerstandskämpfer, die später die Seite gewechselt haben. Als vierte Verdächtige wurden am Dienstag nationalistische Bewegungen ins Spiel gebracht. Auf ihren Abschusslisten, die im Internet auftauchten, fand sich auch Politkowskaja. (Eduard Steiner aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2006)

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    An der Zeremonie nahmen zahlreiche Journalisten, Vertreter von Menschen- und Bürgerrechtsbewegungen sowie westliche Diplomaten teil.

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