Fischfang bei Ebbe: Matter "Peter Grimes" an der Staatsoper

9. Oktober 2006, 21:02
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Schwaches Interesse für die Wiederaufnahme der zehn Jahre alten Staatsoperproduktion

Wien - Dem Versuch, die zehn Jahre alte Staatsoperproduktion von Benjamin Brittens Peter Grimes zu überzeugender Repertoiretauglichkeit zu reanimieren, war am vergangenen Sonntag leider nur bescheidener Erfolg beschieden.

Das Malheur begann eigentlich schon vor der Vorstellung. Denn sie war nicht nur nicht ausverkauft, sie war - obwohl das Publikum sichtlich mit Regiekartenbenützern durchmischt war - nicht einmal vollgestopft.

Das ist für eine Aufführung freilich noch kein gültiges Qualitätskriterium. Im Falle dieser Wiederaufnahme schien das schwache Interesse allerdings durch die trotz allen- insbesondere hörbaren - Bemühens fühlbare emotionale Orientierungslosigkeit gerechtfertigt.

Die undifferenziert, nicht enden wollende kollektive Aufgeregtheit blieb letztlich ohne Zentrum, der dreistündige emotionale Taifun blieb ohne Auge. Denn eine überzeugende Wiedergabe dieses Werks steht und fällt mit der persönlichen Durchschlagskraft der Titelgestalt.

Ist doch dieser Peter Grimes die grimmige Parabel über das Schicksal eines Außenseiters, der die falschen Vorurteile, mit der die Gesellschaft ihm feindselig und aufsässig begegnet, auch noch unfreiwillig und ohne persönliches Verschulden legitimiert.

So ist der Fischer Peter Grimes ein brutaler einzelgängerischer Sonderling, der von der Dorfgemeinschaft des Mordes an einem jugendlichen Gehilfen verdächtigt wird. In Wirklichkeit starb dieser aber eines natürlichen Todes. Als dann auch noch ein zweiter Lehrling tödlich verunglückt, gibt es für seine Mitbewohner keine Zweifel mehr. Tatenlos sehen sie zu, wie er bei hohem Seegang umkommt.

Gabriel Sadé rückt die Titelgestalt allzu sehr in die Nähe von Bergs Wozzeck. Er scheint dumpf an der Gehässigkeit seiner Umgebung zu leiden, führt sich nur hin und wieder hektisch auf. Dies mündet in eine gewisse gestische Passivität, die in der ermüdenden Hektik, mit der die Inszenierung von Christine Mielitz alle übrigen Mitwirkenden wie auf einem Exerzierplatz auf Trab hält, hoffnungslos untergeht.

Neil Shicoff vibrierte bei der Premiere als Gestalter der Titelpartie vor wacher Sensibilität, mit der er seine Umgebung belauerte und die Aufführung dadurch zum spannenden Seelendrama werden ließ.

Musikalische Qualität

Diesmal musste man sich mit den musikalischen Freuden begnügen, die Gabriel Sadé mit dramatischem Tenor und auch Nancy Gustafson als Ellen Orford vermittelten. Weitere Stützen dieses Abends waren Peter Weber, der sich erstmals als Balstrode sehr gut anhören ließ, und Janina Baechles Mrs. Sedley.

Dass Einvernehmen zwischen Bühne und Orchester herrschte (und vor allem auch mit den von Ernst Dunshirn studierten Chören), ist Stefan Soltesz am Pult zu danken.

Die vielen faszinierenden orchestralen Grautöne, mit denen Benjamin Britten vor allem die in diesem Werk besonders wichtigen Zwischenspiele auf irisierende Weise einfärbt, wurden allerdings nur teilweise realisiert.

Nach nur einer Orchesterprobe musste man schon froh sein, dass die für den Gesamtverlauf unerlässliche dynamische Abstimmung, wenn mitunter auch etwas schroff, funktionierte.

Der Intensität des Beifalls entsprach ziemlich genau jener der Aufführung. (Peter Vujica /DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2006)

  • Artikelbild
    foto: wiener staatsoper gmbh / axel zeininger
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