Ein Colt für alle Fälle im Königsdrama

9. Oktober 2006, 21:53
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Jan Klata inszeniert Richard III. am Grazer Schauspielhaus als Geballere der Macho-Cowboys

Graz - Schießeisen statt den verrosteten Schwertern, Sheriffs statt oftmals gesehenen Königen, eine Ranch statt eines Palasts: Willkommen im ersten Italo-Western, für den William Shakespeare am Drehbuch mit gearbeitet hat. Dass der 33-jährge polnische Regisseur Jan Klata keine Angst davor hat, mit einer Shakespearevorlage, die ohnehin jeder Theaterbesucher schon auswendig kann, mit der nötigen Respektlosigkeit umzugehen, bewies er bereits in seinem H nach Hamlet in der Danziger Werft. Denn faul sei nicht nur was in Dänemark, sondern auch zuhause in Polen, argumentierte er damals.

Dieser Logik kann man auch folgen, wenn man dem Geballere der Macho-Cowboys in Klatas Richard III. am Grazer Schauspielhaus zusieht. Denn kann man die aus Größenwahn, Ehrgefühl oder Rachsucht mordenden Könige, Prinzen und Herzöge bedingungslos ernst nehmen? Wenn ja, dann auch unrasierte Westernhelden, die zu Ennio Morricones Musik durch den Sand schlurfend ihre Schatten auf die Sonne werfen.

Muss man deswegen das Historiendrama in die USA verlegen? Nein, aber es macht Spaß und vor allem auch Sinn. Richard, den Neuzugang Max Meyer ohne körperliche Missbildungen, dafür aber als stets an der Kippe zum totalen Wahnsinn dahinhassenden Clint-Eastwood-Verschnitt gibt, schlägt die Brücke zwischen dem Größenwahn eines Herrschers, der Tod und Elend über alle bringt, und dem Land der Freiheit, dessen "Stars and Stripes" während des gesamten Stücks von einem Fahnenmast in den stimmungsvollen Westernhimmel (Bühne: Justyna Lagowska) ragen.

Wenn Richards Handlanger einen Gefangenen mit verbundenen Augen demütigen und quälen und dabei wie überdrehte Collegeboys lachen und glucksen, erinnert das schmerzhaft an die Bilder aus Abu Ghraib. Und wenn Richmond am Ende dem Volk mit den Worten "Read my lips" Frieden verspricht, weiß man auch schon, dass er lügt.

Dazwischen hat auch jede Menge solider Klamauk Platz: Etwa wenn der zum Pastor mutierte Hastings seine Grabreden hält: Erik Göller definiert mit diesem amüsanten Singsang das Wort "Lateinamerikanisch" neu. Aber auch Daniel Doujenis meistert als polternder Edward die Doppelrolle Sheriff/Adelsmann, Hertha Schell überzeugt als bittere Margaret, und Franz Solar setzt neue Maßstäbe für Buckingham. Dieser war sicher schon immer Sargtischler - Shakespeare vergaß wohl nur, das zu erwähnen. (Colette M. Schmidt /DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2006)

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    foto: schauspielhaus graz
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