Der Meister der "sanften Überrumpelung"

9. Oktober 2006, 20:47
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Österreich und die Welt verdanken ihm ein paar der bleibenden entspannten Porträts heimischer Künstler: Sepp Dreissinger, Fotograf und neuerdings auch Filmemacher, im STANDARD-Gespräch

Wien - Wie porträtiert man einen, der die Kunst des Porträts beherrscht wie kaum ein anderer in diesem Land? Sepp Dreissinger würde darauf zu allererst einmal antworten: Man sucht ein Gespräch. Und wenn man mit Dreissinger einmal ins Gespräch, möglichst in einem Kaffeehaus, gekommen ist, dann geht es erst recht darum: Wie lernt man Menschen kennen? "Ich bin sehr kommunikativ", sagt Dreissinger, und vielleicht sei die Porträtfotografie nur ein "Hilfsmittel" für ihn: "Ein Hilfsmittel zum Leute-Kennenlernen."

Wen Sepp Dreissinger kennen lernen will, das bestimmt er, immerhin ist er "freier" Fotograf, selbst. Dabei wird er, wie viele sensible, aufmerksame Menschen, von ausgeprägten Neigungen, Zuneigungen und Interessen getrieben. Bei einem Auftrag der Sorte "Alle wichtigen Künstler der letzten Jahre" oder "Dichter fürs Verlagsprogramm" täte er sich vielleicht ein bisschen schwer, weil: Was oder wer für Sepp Dreissinger "wichtig" ist, das ist nicht unbedingt im Einklang mit jenen Bedeutsamkeitskriterien, auf die sich die Medien gerne einigen.

Wilde Nachbarschaften

Zuerst einmal sei es für ihn "leichter, jemanden zu fotografieren, den ich nicht kenne. Ich muss einfach vom Gesicht fasziniert sein". Worauf in Sachen Künstler schon noch die wesentliche Einschränkung folgt: "Sie müssen mir sympathisch sein und dazu gute Kunst machen."

Im Universum des 1946 in Feldkirch, Vorarlberg, geborenen Sepp Dreissinger ergeben sich aus dieser Grundhaltung ziemlich wilde Nachbarschaften. Seit einem Jahr macht im internationalen Dokumentarfilm-Circuit ein kleines Video von ihm Furore: artgenossen zeigt 35 heimische Künstlerinnen und Künstler, wie sie jeweils "1 Minute ihres Lebens schweigen". In die Kamera.

Da steht dann Klaus Maria Brandauer, umtost von Verkehrslärm, direkt neben Ilse Aichinger, die im Kaffeehaus stoische Miene zum schönen Spiel macht. Arnulf Rainer wird vor der Kamera unruhig, Gerhard Bronner schafft das mit dem Schweigen nicht, während H. C. Artmann einige letzte Momente veratmet. Hier Elfriede Jelinek, dort Al Cook. Hermes Phettberg trifft auf Christine Nöstlinger, Maria Lassnig, Otto Lechner und Michael Haneke: Die heimische Kulturlandschaft, beschrieben nach Aufnahmen von Sepp Dreissinger - sie wäre, richtiger: sie ist ein üppig wucherndes Biotop.

"Entscheidend" für Dreissinger "ist die Ausstrahlung. Oft habe ich die Bücher von Schriftstellern, die mich faszinieren, gar nicht gelesen. Obwohl: Auf den Thomas Bernhard zum Beispiel bin ich durch ein Buch gekommen. Ein Freund hatte mir Die Ursache empfohlen, weil ich in Salzburg gelebt und studiert habe, seit den 70ern, zwölf Jahre lang. Das Buch habe ich gelesen: Salzburg, die ganze Stimmung dort, katholisch, Erzbischof, alte Nazis, Schnürlregen, Fön - und es hat so ein ungutes Gefühl bei mir ausgelöst, ein Interesse."

Frage(n) der Sympathie

Das Interesse gab den Ausschlag für eine über Jahre hinweg fortgesetzte Porträtserie, die Dreissinger berühmt machen sollte, ihn in der Öffentlichkeit aber auch ein wenig auf die Schublade "Der Fotograf vom Bernhard" festlegte. "Nach dem Tod Bernhards hat die ganze Welt bei mir Fotos bestellt." Dabei begann alles - wie wohl immer bei guten Porträts - weniger staatstragend, als vielmehr über "gegenseitige Sympathie".

"Am Anfang, wenn wir jeweils zwei, drei Stunden geplaudert haben - über seine Haferlschuhe, über Jazz, kaum jemals über Literatur -, im Kaffeehaus oder in seinem Haus bei Ohlsdorf, habe ich ihn am Schluss gefragt, ob ich ein paar Fotos machen darf. Aber es war nie ein Fototermin. Irgendwann habe ich ihm die Aufnahmen gezeigt. Am Schluss hat er dann schon gesagt: ,Gut, dass ich Sie treff, ich hätte Sie schon angerufen, dass wir neue Fotos machen.' Und da haben wir zum Beispiel ein halbes Jahr vor seinem Tod diese Superserie gemacht mit ihm - im Bräunerhof und am Graben. Er hat gesagt: ,Hier müssen Sie mich fotografieren am Graben, das ist meine Lieblingsbank.'"

Gesichter, die Menschen, die diese Gesichter oft wie Masken benutzen, um dann plötzlich "aufzumachen", in Innen- und Außenräumen, die ihnen vertraut sind: Das ist ein Grundmuster in den seit 1976 entstandenen Schwarz-Weiß-Fotografien Dreissingers, über den Wieland Schmied einmal schrieb, er sei ein "Meister des richtigen Augenblicks und ein Künstler der sanften Überrumpelung".

Keine Poseure

"Die guten Persönlichkeiten", so Dreissinger, "egal ob das der Gulda war, oder der H. C. Artmann oder dieser Tage der Hermes Phettberg, die kannst du in jeder Phase fotografieren, die sind als Persönlichkeit so stark, die brauchen keine Pose. Das Wichtigste ist, dass der Fotograf gute Stimmung macht. Dass das Gespräch, das Miteinander im Vordergrund ist, wo man sich austauscht. Ich bin kein Konzeptkünstler. Bei mir ist immer alles Zufall. Während ich abdrücke, muss ich ruhig, beruhigt sein."

In diesem Sinne sind Dreissingers Fotos (einige sind derzeit unter dem Titel arme poeten & andere seiltänzer in der Wiener Galerie Ulysses zu sehen) und auch seine Videoporträts (mit denen er sich erst seit wenigen Jahren befasst) Dokumente eines Dialogs, in dem man - anders als in vielen Interviews - nichts zerreden muss, um doch Verständnis zu finden. Zuletzt gelang Dreissinger so - in einer raren Auftragsarbeit - ein 100-teiliges und -minütiges, sprachlos beredtes DVD-Porträt des Burgtheaterensembles.

Dass er damit in Österreich damit relativ einsam unterwegs ist - "man wird ansonsten überhaupt nicht unterstützt, auch die Stadt Wien hat noch keine Fotos von mir angekauft" - Dreissinger sieht es in einem größeren historischen Kontext: "Porträts sind hier zu Lande immer noch eher eine Nebenverdienstquelle für Hobbyfotografen."

In Frankreich oder in Südamerika habe das Genre eine ganz andere Wertigkeit. "Als ich in den 80er-Jahren angefangen hab mit Hausmeisterporträts aus Wien, Paris, Berlin, da war das für Medien nicht so interessant. Aber einer hat mir einen Brief geschrieben, und das war für mich die größte Geschichte in meiner Laufbahn. Henri Cartier-Bresson, mein großes Vorbild meinte, dass ihm meine Porträts gefallen. Das war ein Ritterschlag."

Zum Glück ist Sepp Dreissinger von der Sucht nach Anerkennung angenehm frei, "auch wenn mich manche für arrogant und nach den Bernhard-Fotos fälschlicherweise für wahnsinnig reich halten". Immer noch zieht er solo durch Kaffeehäuser, Ateliers und Hinterhöfe und porträtiert diejenigen, die zunächst einmal ihm etwas bedeuten. Er filmt Begegnungen (ohne größere Veröffentlichungsintention) oder er arbeitet an einer Dokumentation über Thomas Bernhard (ohne je einen Förderungsantrag eingereicht zu haben). "Ich habe meine Leute, Freunde, die ich regelmäßig sehe, und da ergibt sich halt manchmal was": Porträts. (Claus Philipp/ DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2006)

Die Dreissinger-Ausstellung
Galerie Ulysses
läuft noch bis 21. 10.
Die DVD "Burg/privat" ist im Burgtheater erhältlich.
  • Schweigeminuten von "artgenossen", gefilmt von Sepp Dreissinger: Elfriede Jelinek (li. oben), Al Cook (re. oben), Ignaz Kirchner (li. unten) (auf der DVD "burg/privat") und Ilse Aichinger (re. unten).
    fotos: dreissinger

    Schweigeminuten von "artgenossen", gefilmt von Sepp Dreissinger: Elfriede Jelinek (li. oben), Al Cook (re. oben), Ignaz Kirchner (li. unten) (auf der DVD "burg/privat") und Ilse Aichinger (re. unten).

  • Derzeit stellt er "arme poeten & andere seiltänzer" in der Galerie Ulysses aus: Sepp Dreissinger.
    foto: standard/andy urban

    Derzeit stellt er "arme poeten & andere seiltänzer" in der Galerie Ulysses aus: Sepp Dreissinger.

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