Unsere Effi im Schnelldurchlauf

9. Oktober 2006, 22:10
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Dramatisierung von Theodor Fontanes Roman im Vestibül des Burgtheaters: kalte Hand der Ökonomie statt unaufgeregter Plauderton

Über 300 Seiten in 90 Minuten: Sandra Schüddekopf setzt in ihrer Dramatisierung von Theodor Fontanes Roman Effi Briest im Vestibül des Burgtheaters auf Verdichtung. Wo der alte Meister des bürgerlichen Realismus in seinem Spätwerk im unaufgeregten Plauderton erzählte, regiert an diesem Abend die kalte Hand der Ökonomie. Die Geschichte von der jungen, naiven Effi, die sich ein aufregendes Leben erträumt, von diesem aber mit einem faden Karrieristen abgespeist wird; die eine Beziehung mit dem Lebemann Crampas eingeht, die Jahre später zu einem Duell und dessen Tod führt; und die am Ende von Mann und Kind getrennt ihr Dasein fristet - diese Geschichte wird hier doch mit einer gewissen Hektik durchgepeitscht. Die Darsteller geben sich alle Mühe. Alexandra Henkel als Effi bringt deren inneren Konflikte, aber auch ihre kokette Art rüber, Dietmar König gibt beide männlichen Figuren und versteht es blendend, zwischen den Charakteren zu wechseln. Dennoch hat der rasante Abend etwas von ungefragter Fleißaufgabe an sich. Und: Was der Roman über gesellschaftliche Zwänge auszusagen hätte, diese Frage blieb ungestellt. (fast/ DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2006)
Burgtheater Vestibül, (01) 51 444-140
  • Smartes Picknick mit reichlich gesellschaftlichen Zwängen:
Dietmar König und Alexandra Henkel.
    foto: burgtheater/reinhard werner

    Smartes Picknick mit reichlich gesellschaftlichen Zwängen: Dietmar König und Alexandra Henkel.

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