Nicht nur Wissen ist gefragt

29. Juni 2000, 20:10

Zum Gutachterwesen, anlässlich des Lassing-Prozesses:

Gutachten gegen Gutachten", "Experten-Duell" oder "Schlacht der Gutachter", das sind nur einige der Formulierungen, mit denen der Prozess um die Katastrophe von Lassing kommentiert wurde. André Talmon, der Chef des Naintsch-Mutterkonzerns "Talc de Luzenac", drückt seine Sicht der Dinge so aus: "Wenn zehn Experten sich nicht einig sind, dann gibt es keine Wahrheit."

Diese Aussagen geben Anlass zu Überlegungen in Hinblick auf das inzwischen allgegenwärtige Gutachter- und Expertenwesen. Jeder, der Position beziehen muss oder Entscheidungen zu treffen hat, beruft sich auf seine Experten und Sachverständigen. Dabei zeigt sich aber immer häufiger ein irritierendes Phänomen: Zu einer bestimmten Problemstellung werden wissenschaftliche Gutachten eingeholt, die zu divergierenden Resultaten kommen.

Die Öffentlichkeit gewinnt bei einem solchen Wechselspiel von Gutachten und Gegengutachten leicht den Eindruck, die wissenschaftliche Vernunft sei eine höchst fragwürdige Instanz und ungeeignet für die Wahrheitsfindung. Die Folge: ein Vertrauensverlust in die Wissenschaft als solcher und ein Schwinden der Autorität von Experten.

Für das Gutachterwesen im juristischen Bereich ist die klare Trennung von Sach- und Rechtsfrage konstitutiv: Der Sachverständige ist für die Tatsachen zuständig, die Behörde nimmt die rechtliche Bewertung vor und fällt das Urteil. Im Hintergrund steht dabei eine Vorstellung von Wissenschaft, wie sie im 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts vertreten wurde und mit den Stichworten Ausschließlichkeit, Absolutheit und Universalität charakterisiert werden kann. Im Zuge der Erfolge der positiven Wissenschaften meinte man, eine Art Königsweg der Erkenntnisgewinnung gefunden zu haben, der sich im Wesentlichen an den Naturwissenschaften orientierte.

Aus dieser Zeit stammen auch die entsprechenden Passagen im österreichischen Strafprozessrecht, Zivilprozessrecht und im Verwaltungsverfahrensrecht, die die Tätigkeit der Sachverständigen regeln. Die wesentlichen Teile wurden alle im Zeitraum von 1873 bis 1925 formuliert. Die Auffassung über das, was wissenschaftliches Wissen ist und was es leisten kann, hat sich aber seit der rechtlichen Verankerung des Sachverständigenwesens geändert.

Kein absolutes Wissen

Heute ist es keineswegs mehr ausgemacht, dass die Wissenschaft ein vorurteilsfreies, einheitliches, sicheres und breit akzeptiertes Fundament für Entscheidungen zur Verfügung stellen kann, wie etwa die Debatten um Fragen der Kernenergie oder bestimmten Aspekten der Gentechnik deutlich machen. Besonders bei komplexen Entscheidungsprozessen zeigt sich, dass der Rückgriff auf "reine Erkenntnis" nicht möglich ist, auch wenn dem herkömmlichen Verständnis nach der Experte immer noch eine Instanz ist, die über sicheres Wissen verfügt. Der Umstand, dass wir heute auch in der Wissenschaft eine absolute Wahrheit aus guten Gründen nicht mehr für attraktiv halten, führt dazu, dass der in der Auseinandersetzung gewonnene Konsens zum entscheidenden Halt für das Wissen geworden ist.

Diese Einsicht der Wissenschaftsphilosophie wurde aber für die Tätigkeit des Experten, vor allem aber für die Tätigkeit des Gerichtsgutachters noch nicht fruchtbar gemacht. Aus diesem Sachverhalt ergeben sich einige Forderungen, die an ein zeitgemäßes Gutachterwesen zu stellen sind. In erster Linie geht es dabei um neue Kommunikationsformen jenseits der oft erstarrten Rituale. Eine angemessene Problemlösung kann nicht, wie bisher, dadurch zustande kommen, dass Experten ihr Wissen "ausgeben", sondern sie sollte ein Resultat aus den kommunikativ verbundenen Beiträgen von "Sachverständigen" sein.

Klassisches Expertenwissen muss verbunden werden mit den Erfahrungen von Betroffenen. Es muss Abschied genommen werden von der Vorstellung, Experten wüssten immer ganz genau, wo das Problem liegt und wie es zu lösen sei. Dabei ist auch die strenge Unterscheidung zwischen Laien und Experten zu relativieren.

Die Defizite, die die glänzendsten Einzelleistungen des verwissenschaftlichen Verstandes oder des technisch-politisch-ökonomischen Könnens gegenüber manchen schlichten integralen Erkenntnissen des Alltagsverstandes haben, sind deutlicher denn je. Hier könnte - als Ergänzung zum Gerichtsverfahren - das aus den USA stammende und inzwischen auch in Österreich mit Erfolg praktizierte Verfahren der Mediation wertvolle Dienste leisten. Gefragt sind Foren und Formen neuer Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Rechtssprechung, Betroffenen und Experten.

Ein weiterer Punkt betrifft das stark disziplinenorientierte Denken im herkömmlichen Gutachterwesen, das oft dazu führt, dass durch die fachwissenschaftliche Fragmentierung das Ausgangsproblem aus den Augen verloren wird. Der Problembestand, der durch das Netz der Einzelwissenschaften fällt, nimmt stetig zu, da sich die konkret anstehenden Probleme nicht an die Einteilungen der Wissenschaften halten. Die Sachfragen der Praxis unterscheiden sich oft von denen der Wissenschaft. In der Praxis geht es meist darum, vorhandene Wissensfragmente - und nur solche kann die heutige Wissenschaft seriöserweise bieten - um die Probleme herum so zu konzentrieren, dass sie deren Lösung dienlich sind.

Die disziplinäre Wissenschaft besitzt weder die oberste Kompetenz bei der Problemdefinition, noch ist sie die oberste Instanz bei der Problemlösung. Auch in Hinblick auf die Auswahl der Sachverständigen und die Beweiswürdigung der Gutachten ist die momentane Situation unbefriedigend. Hier ist es unbedingt notwendig, die Parteienrechte zu stärken. Das gilt auch für die Vorlage von Privatgutachten, die momentan mit dem Hinweis, sie seien "nicht vorgesehen", ausgeschlossen werden können. Gäbe es eine funktionierende Kommunikationskultur unter den Gutachtern, würden solche Privatgutachten nicht als Störung des Verfahrens gesehen, sondern als willkommener Beitrag zur Aufklärung.

Sicherheiten auflösen

Für die Wissenschaft gilt, dass sie ihre eigenen Ergebnisse ernst nehmen und ihre Doppelrolle akzeptieren muss. Einerseits ist ihre Aufgabe das Entwickeln, Fundieren und Sichern von Erkenntnissen, andererseits hat die Wissenschaft aber immer dazu beigetragen, vorgegebene Sicherheiten aufzulösen. In bestimmten Situationen trägt heute diese zweite Funktion, nämlich die Unsicherheit aller zu vergrößern, mehr zur Problemlösung bei als die Legitimationsfunktion. Kann man Entscheidungen nicht mehr aus einem sicheren Fundament heraus entwickeln, dann bleibt nur mehr eines: Die Betroffenen müssen sich verständigen. Das wäre dann der Schritt von einer Industrie- und Wissenschaftsgesellschaft hin zu einer Kulturgesellschaft, in der der Platz des Experten nicht am Altar ist, sondern am runden Tisch.

Dr. Anton Hütter ist Mediator im Umwelt- und Wirtschaftsbereich und Unternehmensberater mit dem Schwerpunkt Organisationsentwicklung.

Die Urteile im Lassing-Prozess stützen sich nur auf eine der Expertisen von Sachverständigen: Anton Hütter plädiert für eine verstärkte Kommunikation zwischen Gutachtern.
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