"Kim Jong Il brauchte diesen Erfolg"

11. Oktober 2006, 16:59
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Nordkorea-Experte Rüdiger Frank im STANDARD-Interview: Atomtest stärkt den Führer in Pjöngjang

Der mögliche erste Atomtest stärkt den Führer in Pjöngjang, meint der Nordkorea-Experte Rüdiger Frank im Gespräch mit Markus Bernath. Denn Kims Wirtschaftsrefomen haben bisher wenig gebracht.

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STANDARD: Die Nordkoreaner haben offenbar Wort gehalten. Kann man diesen erst angekündigten und dann durchgeführten Atomtest so verstehen?

Frank: Ich denke schon. Sie haben ja seit Jahren angedeutet, dass die Entwicklung von Nuklearwaffen ihr Ziel ist. Dabei sind sie - im Rückblick sieht es natürlich immer einfacher aus - auch sehr konsequent vorgegangen. Die Nordkoreaner sind aus den einschlägigen Verträgen ausgetreten, haben erst erklärt, sie hätten Atomwaffen, dann folgten Raketentests und nun der Atomtest. Sie haben letztlich Wort gehalten, und das ist wichtig zu betonen, weil Nordkorea gern als unberechenbar gilt.

STANDARD: Waren die jahrelangen diplomatischen Verhandlungen also unnütz und der Atomtest unvermeidbar?

Frank: Ja und nein. Es ist nicht so, dass Nordkorea die Atomwaffen unbedingt bräuchte. Sie sind Mittel zum Zweck. Und immer wenn etwas Mittel zum Zweck ist, dann gibt es Alternativen. Nur haben diese Alternativen nicht zu Verfügung gestanden, und so gesehen war der Test dann doch zwangsläufig. Wären aber die Verhandlungen anders verlaufen, so denke ich, hätten die Nordkoreaner zumindest auf die Tests verzichtet und wären möglicherweise bereit gewesen, das Atomprogramm wieder einzufrieren oder gar aufzugeben. Aber das kommt auf die Gegenleistungen an.

STANDARD: Was will Pjöngjang?

Frank: Einmal abgesehen davon, ob es realistisch ist: Die Gegenleistung, die die Nordkoreaner erwarten, ist eine Sicherheitsgarantie, die glaubwürdig ist, also unter Einbindung verschiedener Länder, vielleicht mit einer expliziten Übernahme der Garantie durch China und natürlich unterstützt durch die Vereinigten Staaten. Das ist das Hauptziel.

Sie haben das Atomprogramm, weil sie Angst haben. Wenn Sie das Statement des nordkoreanischen Außenministeriums lesen, in dem der Atomtest angekündigt wurde, dann finden Sie den Bezug zum Nahen und Mittleren Osten. Nordkorea hat gesehen, wie es Staaten ergeht, die keine starken Abschreckungsmittel haben. Diese Angst ist berechtigt, sie ist da, sie beruht bei der jetzigen Führungsgeneration zum Teil auf den Erfahrungen aus dem Koreakrieg von 1950 und des jahrzehntelangen Kalten Kriegs. STANDARD: Das hieße aber, Nordkorea wäre in letzter Konsequenz bereit, Atomwaffen einzusetzen.

Frank: Das wäre Selbstmord. Wie die meisten Atommächte dieser Welt wollen sie diese Waffen einfach haben, um das entsprechende Abschreckungspotenzial zu besitzen.

STANDARD: Was bedeutet dieser offenbar erfolgreich verlaufene Atomtest für das Machtgefüge des Regimes in Pjöngjang?

Frank: Ein sehr wichtiger Punkt. Kim Jong Il ist ja seit 1994 an der Macht - offiziell seit 1997 - und hat bis jetzt relativ wenige Erfolge vorzuweisen gehabt, sowohl gegenüber der Bevölkerung als auch gegenüber der Führungsschicht. Die Wirtschaftsreformen, die begonnen wurden, haben wie die meisten Reformen zunächst negative Effekte; es dauert immer eine Weile, bis sich die Erkenntnis durchsetzt, dass das etwas bringt. Die Raketentests im vergangenen Juli waren nicht sehr erfolgreich verlaufen, obwohl man spekulieren kann, ob das nicht auch so gewollt war. Kim Jong Il brauchte aber jetzt ein klares Signal des Erfolges.

Die "Militär zuerst"-Doktrin ist offizielle Politik seit 1997, und er ist die Galionsfigur dieser Politik. In dem Augenblick, in dem ein so kleines, unterentwickeltes und nur mit Problemen konfrontiertes Land wie Nordkorea in den exklusiven Klub der Atommächte eintritt, bedeutet das eine enorme Stärkung von Kim Jong Il. Und möglicherweise auch das nötige Selbstbewusstsein beim Militär, um weitere Experimente bei Wirtschaftsreformen zuzulassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2006)

  • Zur PersonRüdiger Frank (36) ist Professor am Institut für Ostasienwissenschaften der Uni Wien. Der Nordkorea-Experte und Volkswirtschafter kam 1991 erstmals als Austauschstudent der Berliner Humboldt-Universität nach Pjöngjang.
    f.: bernath

    Zur Person

    Rüdiger Frank (36) ist Professor am Institut für Ostasienwissenschaften der Uni Wien. Der Nordkorea-Experte und Volkswirtschafter kam 1991 erstmals als Austauschstudent der Berliner Humboldt-Universität nach Pjöngjang.

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