"Plastikautos nur Frage der Zeit"

25. Oktober 2006, 15:37
98 Postings

BASF will mehr Chemie in die Autos pressen und sieht vor allem in den USA gute Chancen. Die Autos sollen damit leichter werden und sparsamer im Spritverbrauch

Detroit - "Go slow, save money." Die Aufforderung zum Langsamfahren und Spritsparen steht mit extra breitem Filzstift geschrieben auf einem Pappkarton, der an der Heckscheibe eines in die Jahre gekommenen Ford Mustang prangt.

Was vor einem Jahr noch für Erstaunen gesorgt hätte, wird in der Southfield Road unweit des Hauptsitzes der Ford Motor Company in Detroit mit Sprüchen wie "he’s right" oder "absolutly" goutiert. Seit sich die Spritpreise in den USA fast verdoppelt und vor zwei Monaten mit 3,036 Dollar je Gallone (3,78 Liter) eine Rekordmarke erreicht haben, ist Autofahren mehr denn je ein Thema in den Staaten.

Inzwischen sind auch in den USA die Spritpreise wieder gesunken. Von nachhaltig niedrigen Preisen geht aber niemand aus. Umgelegt auf Europa entsprechen die mehr als drei Dollar je Gallone weniger als 65 Cent je Liter; US-Karossen sind aber schwerer und verbrauchen im Durchschnitt deutlich mehr als etwa Autos aus europäischer oder japanischer Produktion. Trotz Krise der US-Autoindustrie, die zunehmend Schwierigkeiten hat, ihre Sprit fressenden Schlitten loszuwerden, riechen Konzerne wie die deutsche BASF gerade jetzt das große Geschäft jenseits des Atlantik. "Wir haben die einzigartige Gelegenheit, Geld zu machen mit Chemie", sagte der für die Region Nordamerika (USA, Kanada, Mexiko) zuständige Vorstand von BASF, Klaus Peter Löbbe, bei einem Lokalaugenschein des STANDARD in den USA. Das habe nicht nur mit der zunehmend strengeren Umweltgesetzgebung zu tun, die – ausgehend von Kalifornien – nun auf andere US-Bundesstaaten überspringt und den Einbau von Katalysatoren erzwingt. Gerade in dem Bereich hat sich BASF, größter Chemiekonzern der Welt, im Frühsommer Muskeln zugelegt. Um knapp vier Milliarden Euro haben die Ludwigshafener den auf Katalysatoren spezialisierten US-Konzern Engelhard geschluckt – die erste feindliche Übernahme eines deutschen Konzerns im Ausland, der nun friedlich zu integrieren versucht wird.

Schwarze Zahlen

Für Löbbe, der seit seinem Antritt 2002 einen harten Sanierungskurs gefahren ist und das vormals verlustträchtige Nordamerikageschäft (2001: minus 700 Mio. Euro Ebit) wieder in die schwarzen Zahlen bugsiert hat, sind auch die hohen Spritpreise ein Argument für mehr Chemie im Auto. "Durch den Ersatz von Metall durch Plastik werden Autos leichter und damit auch sparsamer", sagte der BASF-Chef.

Mark Minnichelli, der für den Kunststoffbereich in der Region zuständige BASF-Direktor, geht noch einen Schritt weiter. Er sieht in gar nicht so ferner Zukunft ein Auto, das so gut wie ganz aus Kunststoff- und Plastikteilen zusammengefügt ist und dennoch volle Sicherheit gewährleisten kann. "Ölwannen und andere sensible Teile werden bereits aus Kunststoff gemacht, auch mit Kunststoffmotoren wird experimentiert. Es ist nur eine Frage der Technik und der Zeit, bis Autos ganz aus Plastik gemacht werden können", sagte Minnichelli. Fast die Hälfte des Käfer-Nachfolgers VW Beetle besteht aus Kunststoff, von der Innenverkleidung über das Armaturenbrett bis hin zu den Air Bags und zum Lenkrad. Bei US-Autos liege der Kunststoffanteil deutlich darunter. Aber auch in Europa gebe es noch Potenzial. So bestünden beim Mercedes A1 beispielsweise erst 15 von 100 Teilen aus Kunststoff.

Inzwischen bemüht sich BASF, über Systempartnerschaften mit Autokonzernen wie etwa mit Ford im Bereich der Lacke langfristige Geschäftsbeziehungen aufzubauen und den Abstand zum Marktführer in den USA, Dow Chemical, zu verringern. Unter Einrechnung der jüngsten Akquisitionen von Engelhardt, Johnson Polymere und Degussa kommt BASF auf einen Nordamerika-Umsatz von rund 15 Milliarden Dollar. Das ist zwar deutlich weniger als die 20 Milliarden, die der Branchenführer Dow Chemikal im Vorjahr in seinem Heimatmarkt umgesetzt hat, aber bereits mehr als der Nordamerika-Umsatz der anderen US-Größen Lyondell, Exxon Chemicals und Dupont ausmacht. (Günther Strobl, Detroit, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.10.2006)

  • BASF riecht
ein dickes
Geschäft in
den USA.
Mehr Teile
aus Plastik
sollen Autos
leichter und
sparsamer im
Treibstoffverbrauch
machen. Bei
Lacken will
man Systempartnerschaften
wie
mit Ford
(Bild)
forcieren.
    foto: standard/basf

    BASF riecht ein dickes Geschäft in den USA. Mehr Teile aus Plastik sollen Autos leichter und sparsamer im Treibstoffverbrauch machen. Bei Lacken will man Systempartnerschaften wie mit Ford (Bild) forcieren.

Share if you care.