Verirrt im Labyrinth

29. November 2006, 20:47
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„Silentium“-Hauptdarsteller Josef Hader im Gespräch mit Claus Philipp

Standard: Der Film "Silentium", heißt es auf dem Plakat, sei nach dem gleichnamigen Roman Wolf Haas’ entstanden, der heißt aber „Silentium!“. Was erzählt einem das – ein Rufzeichen, das verschwindet?

 

Josef Hader: Es erzählt einem wohl, dass es irgendwen gibt in dem Betrieb, an maßgeblicher Stelle, der grundsätzlich davon ausgeht, dass das Kinopublikum depperter ist als ein Buchpublikum, weil es die Ironie von Silentium! mit einem Rufzeichen nicht verstünde. Es könnte aber auch sein, dass das Ganze vom Kreuz, das zum Titellogo dazuerfunden wurde, herkommt. Es hat sich wohl jemand gedacht: Zum Kreuz passt das Rufzeichen nicht mehr. Dann haben sie es aufs Plakat geschrieben ohne Kreuz, weil sie dachten, dass damit vielleicht etwas betont wird, was das Publikum abschrecken könnte; und dann dachten sie: Jetzt ist es aber auch wieder zu "leer". Also hatmaneinen Kreuzträger dazugemalt. Das sind Vorgänge, die gehen ein bisschen an mir vorbei.

Standard: Ein Vorgang, an dem Sie stärker beteiligt waren, war das Schreiben des Drehbuchs, mit Wolfgang Murnberger und Wolf Haas. Wie muss man sich diese Kooperation vorstellen?

Hader: Wir schreien uns nicht an, sondern jeder schluckt den Grant hinunter, wenn ihm wieder eine Drehbuchfassung total daneben vorkommt. Wir sind immer höflich zueinander und kriegen dadurch vermutlich irgendwann Erkrankungen, aber es herrscht immer eine wohltemperierte Atmosphäre. (lacht) Wir sind alle drei keine expressiven Menschen und denken und reden gern in uns hinein. Und wir haben alle drei Freude an Grenzbereichen. Es gefällt uns auch, dass wir bestimmte Erwartungen überhaupt nicht erfüllen.

Standard: In dem Salzburg etwa, in dem Brenner diesmal in Sachen Mädchenhandel und Pädophilie rund um ein katholisches Internat und die Festspiele ermittelt, sieht man keine Salzach!

Hader: Ja, jetzt ist das ein Ort ohne Fluss. Ich habe mir gedacht: Was für ein Ort wird Salzburg bei so einer Geschichte? Da dachte ich mehr an Edgar- Wallace-Filme, wie London da aussieht, an Wien im Dritten Mann, wo am Abend niemand mehr auf der Straße ist, außer irgendwelchen Leuten, die Böses wollen. Ein Märchen-Salzburg also. Insofern hört sich jede Diskussion über eine angebliche Kritik am wirklichen Salzburg auch schon auf. Das hat uns nicht interessiert. Für uns ist „Salzburg“ eine verwunschene Stadt, mit einer Glaskuppel drüber, die Außenwelt ist in diesem Treibhausklima irrelevant, es ist wie in einem Labyrinth, aus dem viele rauswollen, und dann kommen sie nicht raus und stürzen sich wo hinunter.

Standard: Für einen ortsunkundigen Betrachter muss dieses Salzburg aber erst recht merkwürdig wirken. Die Locations passen ja ganz bewusst nicht zusammen: der gespenstische Festspielbezirk, die Parkanlagen, die proletarische Würstelbuden-Vorstadt ...

Hader: ... und vielleicht ist das das Realistischste, was wir über Salzburg erzählt haben: dass dort nichts zusammenpasst. Die Festspiele, Mittelpunkt einer europäischen Kultur; die Vororte; das Heruntergekommene und das Edle – es ist einfach eine kontrastreiche Stadt. Sogar das Licht ist in Salzburg kontrastreicher als anderswo. Wenn man durch diese engen Gassen zieht: Es gibt kaum eine Stadt mit so viel Licht und Schatten.

*Das Interview, hier in Auszügen wiedergegeben, erschien am 7. September 2004 im Standard. Die nächste von Hader, Murnberger und Haas geplante Verfilmung: "Der Knochenmann".

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