Rumor der Gefühle

24. Oktober 2006, 14:40
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Wolfgang Murnbergers „Komm, süßer Tod“

Ein unerklärter Krieg tobt auf den Straßen von Wien. Die Kreuzretter und der Rettungsbund, zwei Vereinigungen zur Hilfeleistung an Bürgern in Not, arbeiten skrupellos und mit allen Mitteln gegeneinander. Sie jagen einander Patienten ab, und zapfen gegenseitig die Blutkonserven an.

 

So heftig ist die Konkurrenz, dass selbst Mord als ein probates Mittel erscheint. Im Milieu der Lebensretter lassen sich Bluttaten besonders leicht vertuschen.

Dummerweise gibt es immer wieder einen Zivildiener, der die Regeln der Hauptberuflichen nicht kennt und zum falschen Zeitpunkt die Augen offen hat. So wird aus dem makabren Letzte-Hilfe-Szenario, mit dem Komm, süßer Tod von Wolfgang Murnberger beginnt, und aus der täglichen Wettfahrt zur nächsten Spenderleber (am Würstelstand) noch ein richtiger Kriminalfilm.

Das liegt an Brenner (Josef Hader), einem ausrangierten Polizisten, der auch als Privatdetektiv nicht mehr viel taugt, aber ständig auf Mordfälle stößt. Brenner ist auf der Karriereleiter so weit unten angekommen, dass er sich als Rettungsfahrer verdingt – und schon ist es aus mit der Ruhe und dem mühsam errungenen inneren Gleichgewicht.

Der Schriftsteller und ehemalige Werbetexter Wolf Haas hat diese archetypische österreichische Figur erfunden – einen hellhörigen Sprachskeptiker und unerschütterlichen Misanthropen. Neben dem eifrigen Zivildiener Berti (Simon Schwarz) kommt sein Trägheitsmoment perfekt zur Geltung. Aber auch ein Mann, der mit dem Leben abgeschlossen hat, hat noch Gefühle.

Sie rumoren im Körper herum. Hader, der in Indien den Heinzi Bösel gespielt hatte und seither diese Lebensrolle immer wieder neu variiert, ist der ideale Darsteller für den Brenner. Wer Haders Bühnenprogramm Privat kennt, wird die Wahlverwandtschaft verstehen.

Eingeweideschau und forensischer Bericht sind zwei Facetten desselben Positivismus für einen Detektiv, der aus dem Bauch heraus agiert. Die Groteske ist die österreichische Version des Film Noir. Es mangelt an Femmes fatales, deswegen trinken die Männer häufig das entscheidende Glas zu viel. Weil es am Ende des Abends um nichts geht. In Komm, süßer Tod tritt Barbara Rudnik, die Femme fatale aus Müllers Büro, als Schutzengel für den einsamen Brenner auf.

Sie spielt Klara, eine Jugendfreundin, die ihm einen entscheidenden Hinweis gibt – unabsichtlich, wie es sich gehört in einem Whodunit, der um mehrere Ecken, also so psychoanalytisch wie kriminalistisch gelöst wird. In Komm, süßer Tod verbindet sich die Tradition der reflektierten und an der eigenen Person ausprobierten Menschenfeindlichkeit mit einem Genre, mit dem das österreichische Kino eigentlich nicht einmal eine weitschichtige Verwandtschaft unterhält.

Was dabei fast notgedrungen herauskommt: ein Krimi, der sich nicht auf Mimi reimt, sondern auf Freud und Qualtinger.

Bert Rebhandl, Ständiger Mitarbeiter des Standard, lebt als freier Journalist in Berlin.

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