Jugend, Alltag, Provinz

22. Oktober 2006, 19:39
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Patzak, Lehner, Gruber, Paulus, Seidl: Die frühen kleinen Glanztaten

Peter Patzak, „Jugendliche“ (1971) Sechs Jugendliche – aus verschiedenen Bundesländern, aus verschiedenen Gesellschaftsschichten –, ihr Leben und ihr Alltag. Wir sehen sie mit Freunden, im Kreise der Familie, in ihrer Freizeit, in der Schule, in der Arbeit. Sechs Geschichten, ganz auf deren jeweilige Protagonisten zugeschnitten. Manche kommunizieren mit der Kamera, dann machen sich die Bilder selbstständig.

 

Patzak und sein Ko-Autor Peter Huemer erzählen nicht nur von Familien- und Arbeitsverhältnissen – und also von Hierarchien –, die heute verblüffen und zum Teil entsetzen, sondern auch von dem gelungenen Versuch, einen „ersten“ Film zu machen. (Sylvia Szely)

Fritz Lehner, „Freistadt“ (1976) Freistadt entgeht den Gefahren des herkömmlichen Heimatbildes (sei es idyllisierend oder dämonisierend) durch eine multiperspektivische Sichtweise: Die sozioökonomische Analyse des Strukturwandels in der Provinz wird ergänzt durch eine lyrische, intime Sicht des alltäglichen Lebens; und der Rückschau auf eine verlorene Zeit wird eine strenge, dokumentarische Haltung entgegengesetzt, die das ländliche Leben mit dem Blick eines Fremden begreift. Freistadt ist Fritz Lehners einzige dokumentarische Arbeit. (Constantin Wulff)

Andreas Gruber, „Ab morgen wird sich alles ändern“ (1980) Warme Sommernachmittage konzentriert auf eine Gruppe junger Frauen und Männer an einem Wochenende in der Kleinstadt Wels bilden das Setting des Diplomfilmes von Andreas Gruber, der an der Wiener Filmakademie, ausschließlich mit LaiendarstellerInnen gedreht, entstanden ist. Der Film erzählt vorwiegend mit Liebe zum Detail inszenierte Posen, Geschichten der Adoleszenz, deren Grundtenor bereits der Filmtitel verrät. Antreibende erzählerische Kraft kommt dabei dem Soundtrack zu, der nicht nur Gefühle und Hoffnungen formuliert, sondern elegant eine übers Warten definierte Zeitstimmung einfängt und diese gleichzeitig auch archiviert. (Dietmar Schwärzler)

Wolfram Paulus, „Wochenend“ (1981) Die Geschichte vom jungen Soldaten Franz Biberger, der nach fünf Wochen Arrest wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe für zwei Tage zurück ins Dorf darf. Er kommt nach Hause, daheim fühlt er sich nicht. Faschingsfröhlichkeit tobt im Dorf, der Biberger schluckt wie die anderen gierig Alkohol, als wäre es Medizin. Fast dokumentarisch, unspektakulär vermitteln ruhige Schwarzweißbilder die Stationen einer Tragödie. (Otto Reiter) Ulrich Seidl, „Der Ball“ (1982) Seidls Film führt ins Waldviertel, konkret nach Horn, einer kleinen Stadt in Niederösterreich, in der der Regisseur aufgewachsen ist. Alljährlich zur Fastnacht findet dort der Schulabschlussball statt, den die ansässigen Gymnasiasten selbst organisieren. Schüler, Eltern, Lehrer, Kleinindustrielle und Dorfpolitiker geben sich ein Stelldichein. Die via Interview erhaltenen Wortspenden, meißelt Seidl in facettenreichen Tableaubildern in die Körper und Gesichter der Protagonisten; der auf dem Ball immer wiederkehrende Vogerltanz liefert quasi einen Kommentar, der Spaß und dessen Abgründe souverän miteinander kombiniert. (Dietmar Schwärzler) Die Lehrer mochten weder Struktur noch Schnitt des Films und dachten, der Film würde dem Ruf der Akademie schaden. (Ulrich Seidl)

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