Die Entlastungsrevue

20. Oktober 2006, 19:47
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Satire auf Geschichtsrevisionismus: „1. April 2000“

Wir schreiben das Jahr 2000. Die Klubchefs von FPÖ und ÖVP stellen eine „Mängelliste” des ORF-Journalismus zusammen. Erster Punkt: Erst nach nachdrücklichem Hinweis sei der ORF bereit gewesen, von „Sanktionen gegen Österreich” zu berichten und nicht von „Sanktionen gegen die Bundesregierung”. Na, das war ein Bahö im österreichischen Volke!

 

Der nationale Schulterschluss ward geboren, und schnell kam der nach Österreich entsandte Weisenrat zum Schluss, die Sanktionen mögen bittschön zurückgezogen werden.

Einzig dem Charme der zipfelmützentragenden Außenministerin Ferrero-Waldner sei dieser Befreiungsschlag zu verdanken gewesen. Wie anno dazumal nur die Trinkfestigkeit des seligen Figl den Russen zuerst unter den Tisch und dann des Landes verweisen konnte.

Nach welch heimlichen Drehbuch agiert die österreichische Spitzenpolitik, wenn es um das Bewältigen allumfassender Staatskrisen geht? Die Antwort liefert ein Film aus dem Jahre 1952. Im Auftrag der Bundesregierung inszenierte Wolfgang Liebeneiner unter Mithilfe der damaligen Film- und Theaterelite den offiziellen Österreichfilm 1. April 2000. Nach 55-jähriger Besatzungszeit erklärt der neue Ministerpräsident die Aberkennung des Viermächtestatus. Die Weltschutzkommission fliegt – via Australien (zu blöd, diese Ausländer) – nach Tu felix Austria, um dort den Regierungschef zur Verantwortung zu ziehen.

Es folgt eine entlastende Revue der Geschichte des friedlichen Österreich, perfekt in Szene gesetzt von den größten Künstlern des fiktiven wie realen Österreich. Am Ende haben alle einen Rausch, Herzen tanzen im Dreivierteltakt, und Österreich ist endlich frei.

Schon von Beginn an macht der Film ein Grundproblem klar. Die Vorspanntitel müssen für die realen Besatzer in deren jeweilige Landessprache übersetzt werden. Da wimmelt es von kuriosen Übersetzungen, und Herr und Frau Österreicher sehen sich mit John/Jean Moser oder Conrad Juergens konfrontiert.

Und dazu noch behördliche Stempel sonder Zahl. Österreich in den 50ern, ein vom Ausland dirigierter Beamtenstaat. Der schöne Abschlusstitel des Vorspanns: „Dieser Film entstand mit großzügigster Unterstützung der staatlichen und kirchlichen Behörden sowie unter breitester Anteilnahme des Volkes von Österreich“. STIMMT (Letzteres ein frecher Stempel, wohl ohne behördliche Einflussnahme).

Seinen Reiz bezieht der Film heute noch aus dem Mimikrywechselspiel, von tatsächlicher und fiktiver Bundesregierung. Da im Jahr 2000 des Films die NS-Zeit kein Thema mehr ist – nach 50 Jahren sollte diese Zeit vergessen sein – fräst sich unverholen die Botschaft der echten Regierung ins Gehirn: Schwamm über die blöde Nazigschicht, es wird nicht wieder vorkommen, außerdem war das doch nichts im Vergleich zu den 1000 Jahren davor – könnt ihr euch jetzt endlich schleichen . . .

Peter Hörmanseder, Mediensatiriker und -arbeiter (www.maschek.org), lebt in Wien.

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