Ruhiges Entsetzen

19. Oktober 2006, 19:06
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Die österreichische Dichterin Ilse Aichinger über „Im toten Winkel“*

Hoffnungslos vereint sind die Akteure einer mörderischen und dilettantischen Farce. Der „tote Winkel“ im Film von Heller und Schmiderer ist nicht nur die Wolfsschanze in Ostpreußen, sondern auch das Führerhauptquartier in Berlin, wo gefeiert wird, was zu feiern bleibt: nicht Vier Hochzeiten und ein Todesfall, sondern nur zwei Hochzeiten (darunter Hitler mit Eva Braun) und die Todesfälle, auf die sie zugeschnitten sind. Das Kostümfest geht zu Ende. Auch seine Farben: feldgrau, kornblumenblau, das missglückte helle Braun der Uniformen. Der Himmel war weder oben noch unten, er war wieder einmal verspielt. Immerhin gab es noch Sekt, rote Rosen und Kopfschüsse: Attribute eines Endspiels in einer Kleinbürgerlichkeit, die keine Gebirgskulisse mehr tarnen konnte.

 

Nur eine Person dieser Szene bleibt glaubwürdig: die Sekretärin Hitlers, Traudl Junge, ruhig und entsetzt. Ihre Haltung, ihre Kleidung und die Frisur schaffen eine Distanz, die nicht versucht, Abgründe zu übersehen. Das unterscheidet sie von „alten Nazis“. Sie hat kein Pathos, auch nicht das erkannter Schuld. Wie sie die Namen dieses letzten Aufgebots ausspricht: Gretl Fegelien, Eva Braun, Frau Goebbels: Das macht Ernst mit ihnen. Jede Ironie wäre an ihnen verschwendet. Und wenn sie von „Silentia“-Schreibmaschinen erzählt, die ihr für die letzten Briefe und Verfügungen dienten – fast lautlos mussten sie sein, denn Hitler hatte eine panische Angst vor Lärm – das gibt ein klares Bild von seiner kopflosen Egozentrik und ihren Details.

„Jetzt rollen wir also durch die Nacht“, erzählt Traudl Junge zum Jahr 1942, „quer durch Deutschland, mit allem Komfort.“ Sie rollen abgesichert und abgeschirmt von Ostpreußen nach Oberbayern, von der Wolfsschanze zum Berghof, von einem absurden Klischee ins nächste. „Der Boden aller Wagen war mit Velour ausgelegt. Hitler hatte ein eigenes Bad, obwohl der Zug einen Badewagen mit Duschräumen mitführte.“ Alles war „ungezwungen und einfach“. Der „feierlich verschneite Wald“ Ostpreußens lag hinter ihnen, auch das „bisschen Abschiedsschmerz vom Norden“, wie sie es nennt.

Am Berghof: „Viel war mir schon von Postkarten bekannt. Hölzerne Lüster, raumhohe Fenster, die den Blick ins Salzburger Land freigeben.“ Nichts unterschied sich von der guten Stube eines wohlhabenden Bürgers. Es herrschte oft Totenstille, Hitler schlief lange. Im Bücherschrank: viele Bände eines Lexikons, die Alben von Wilhelm Busch, Mein Kampf, in Leder gebunden. Nebenan die Zahnstation mit Professor Blaschke aus Berlin. „Jenseits davon erstreckte sich in sanften Hügeln ein zauberhaftes Gelände.“ Der Blick war vorläufig frei, aber das „Steinerne Meer“ versperrte die Sicht.

Alle wurden eingespannt in Hitlers unregelmäßigen, anstrengenden und sehr eintönigen Tagesplan. Zum Frühstück: Apfelschalotten und Apfelkuchen. Im Keller die Kegelbahn, in der auch normale Spielfilme liefen. „Goebbels wollte mich früher oft in Tanzveranstaltungen schleppen“, erzählt Traudl Junge, die eine Tanzausbildung absolviert hatte, „aber ich war sehr enttäuscht“: Tänze auf dem Vulkan mit ungeübten Tänzern. Zwischendurch vergiftete Hitler seinen Lieblingshund, weil er dem ihm für das Kriegsende bereitgestellten Zyankali misstraute. Der Tag endete um Mitternacht „mit einer gemütlichen Plauderstunde am Kamin.

Es gab lange Gespräche über Bildergalerien und Ausstellungen, alle langweilten sich entsetzlich.“

*Der Text erschien erstmals am 22. 3. 2002 in Ilse Aichingers Kolumne „Unglaubwürdige Reisen“ im Standard.

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