„Die beste Lösung ...“

18. Oktober 2006, 20:36
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Götz Spielmanns Spielfilm „Der Nachbar“

Kontinuität, das könnte im Filmschaffen eines Landes bedeuten, dass man viele „kleine“ Erzählungen, sie müssen gar nicht epische Meisterschaft behaupten, nebeneinander und gegeneinander stellt, aus allen Teilen der Gesellschaft zusammenholt, und dass diese Erzählungen im Gesamten ein Panorama ergäben. Fast schon protzig gesagt: eine „menschliche Komödie“, oder was einst Georges Simenon in über 150 Romanen gelang – das Abbild einer Gesellschaft, von deren Rändern herb mosaikhaft ergänzt, weiter gedacht, und, ja doch, erfunden.

 

Der Nachbar (1992) von Götz Spielmann ist ein Film, angesichts dessen man sich solch eine Kontinuität bzw. die Ermöglichung kontinuierlichen unprätentiösen Erzählens für das heimische Filmschaffen wünschen würde. Nicht zuletzt, weil die Geschichte eines monströs hilfsbereiten Kleinbürgers (Rudolf Wessely) sehr stark von Simenon inspiriert scheint. Und weil sie förmlich danach schreit, dass es noch mehr solcher kleiner genauer Geschichten gäbe, die Woche für Woche, über die Jahrzehnte im Fernsehen und im Kino präsentiert, eine selbstverständliche Bandbreite der Wahrnehmung und der Reflexion ergäben.

So wie phasenweise in Frankreich. In Österreich jedoch gibt es diese Kontinuität nicht. Fast jeder Film ist für jeden Regisseur und Produzenten eine Realisierungs-Großanstrengung, und so hat Spielmanns Nachbar in der jüngeren Film- und eigentlich auch Literaturgeschichte kaum Nachbarn, es bleibt das ganz Normale das Besondere, während die größten Gespreiztheiten und Perversionen „normal“ werden.

Spielmann thematisiert dies ziemlich explizit mit in seinem Film, wenn er den Herrn Pawlik, diesen Kriegsveteranen, der seinem Kanarienvogel vorpfeift, was der nachpfeifen kann, als Verleiher von Groschenromanen und Sexheften porträtiert, der in seinem muffigen Laden und in seiner noch muffigeren Wohnung ganz eigentümliche Vorstellungen von „Normalität“ entwickelt und dabei das für ihn „Besondere“ fast zerstört. Eine junge Frau (Dana Vávrová) will er („ich habe doch ohnehin nicht mehr lange zu leben“) zu einem Heiratspakt („der besten Lösung für uns alle“) überreden. Ihre kleine Tochter umgarnt er wie ein Bilderbuch- Opa. Wie selbstverständlich und durchaus voyeuristisch durchfilzt er ihre Wohnung. Und dass sie in einer Peepshow arbeitet und später von ihrem Freund (Wolfgang Böck) auf den Strich geschickt wird: Na, das muss man halt ändern. „Das sind doch nicht Sie!“

Mehr soll hier nicht verraten werden, nur so viel: Es geht auch um Geld und um Geldmangel, und wie sich das auf die Menschen und Handlungsspielräume auswirkt. Und es geht, nicht zuletzt, um Kontinuität bzw. sehr verfluchte heimische Spielarten derselben: Im Wien von Der Nachbar sieht es aus, als wären alle zu einer Endlosschleife der 50er-Jahre verdammt. Noch schlimmer, der Krieg, der angeblich 1945 aufhörte, geht an der Privatfront weiter.

Claus Philipp, Kulturressortleiter des Standard

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