Wien als Möglichkeit

18. Oktober 2006, 20:36
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Götz Spielmann* über seine Arbeit

Ich glaube an die subversive Kraft der Emotionen, weil sie nicht so leicht zivilisierbar ist wie das Denken. Man sieht das ja an bestimmten Schicksalen, wie da plötzlich bei irgendjemand eine Emotion aufbrechen kann, und der zerstört sich oder jemand anderen. Ich meine, dass im emotionellen Leben tatsächlich eine viel, viel größere Vielfalt und Lebendigkeit – wenn auch im Verborgenen – herrscht als im nicht emotionellen Bereich. Gedanken sind einander viel ähnlicher als Emotionen.

 

Darum faszinieren sie mich so sehr, weil sie verborgen sind und weil sie sehr reich sind und weil sie deswegen so stark wirken im Hintergrund der Menschen.

Frage: Wie filmt man in Wien? Wenn ich hier drehe, dann filme ich ja nicht Wien, sondern ich mache einen Film, der in Wien spielt. Was mir wichtig ist, was vielleicht überhaupt für meine Arbeit wichtig ist, ist, dass ich sehr genau und vorurteilslos – nämlich auch ästhetisch vorurteilslos – zu schauen glaube.

Ich habe oft das Gefühl, dass in den Provinzen – auf der Welt – der Blick der Bewohner bereits von den Medienerzeugnissen der Metropolen getrübt ist und dass sie ihr Umfeld im Grunde so sehen wollen, wie das, was sie hauptsächlich sehen, im Fernsehen zum Beispiel, oder was sie hauptsächlich spüren, in der Musik, die sie hören. Davon sehe ich mich relativ unbeeinflusst.

Ich habe mir nie vorgenommen, Wien zu filmen, schon gar nicht, Wien anders zu filmen, sondern da waren halt mehrere Filme in Wien, und da schaut man halt genau. Wobei ich Wien für eine äußerst spannende Stadt halte von ihren Möglichkeiten. Es ist natürlich oft genug eine erbärmlich langweilige Stadt, gerade wenn man einem Beruf nachgeht, aber als Stadt und als Möglichkeit ist das eine unerhörte Metropole – diese ganzen Schichten an Geschichte, diese Schichten an Traditionen verschiedenster Art und Weise, diese immer noch spürbaren Nachwirkungen des k.u.k.-Reiches, die verschiedenen Völker, die diese Stadt mitgeschaffen haben, das ist eigentlich eine Kostbarkeit, wenn man von der schlechten Laune, die ihre Bewohner ausstrahlen, absieht.

Eine Gefahr steckt sicher in der langen und großen Kulturtradition Wiens. Eine Kultur bringt immer auch Klischees hervor, es besteht die Gefahr, dass man diesen Klischees verfällt, dass man ein Wien filmt, das es gar nicht gibt oder nicht mehr oder das es wahrscheinlich nie gegeben hat.

Die andere Gefahr ist eher die der Gegenwart, dass man Wien nicht mag und es gern zu etwas anderem machen würde, als es ist. Das geht ja: Wenn man in irgendeinem In-Lokal dreht, kann das genauso in Berlin oder Seattle stehen.

* Götz Spielmann, geboren 1961 in Wien, 1980 bis 1986 Studium an der Wiener Filmakademie, lebt als Autor und Regisseur (zuletzt: „Antares“) in Wien. Die Zitate stammen aus einem Gespräch mit Andreas Ungerböck: „Gegenschuss – 16 Regisseure aus Österreich“, herausgegeben von Peter Illetschko bei Wespennest-Film.

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