Gericht: Ein Spray, zwei Sichtweisen

11. Oktober 2006, 20:14
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Ein Inder und zwei Polizisten in Graz vor Gericht, Anwalt fordert Fairness

Graz - Würden nicht Datum und Uhrzeit übereinstimmen, könnte man glauben, der aus Indien nach Österreich als Computerexperte eingeladene Herr J. und zwei Exekutivbeamte, die gegen ihn am 31. Juli amtshandelten, erzählen von verschiedenen Vorfällen. Wie der Standard berichtete, läuft gegen den Polizeibeamten S. und seine Kollegin G. ein Verfahren beim Unabhängigen Verwaltungssenat (UVS) in Graz. Doch am Montag begann ein anderes Verfahren, nämlich jenes gegen den 29-jährige Inder, der wissenschaftliche Mitarbeiter der Technischen Universität Graz ist, wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt.

J. hatte angeben, dass ihm ohne Grund im Zuge einer nächtlichen Verkehrskontrolle, Pfefferspray in die Augen gesprüht worden sei und man ihn brutal zu Boden gedrückt habe, wobei sein Gesicht verletzt worden sei. Als J. angehalten wurde, habe er sofort - auf Englisch - zugegeben, dass sein Fahrradlicht nicht funktioniert habe und dass er zuvor - auf einen Zeitraum von viereinhalb Stunden verteilt - drei Biere getrunken habe. Einen Alkotest hätten die Polizisten aber nicht verlangt. Er habe seinen Rucksack ausgepackt und der Beamtin seine Geldtasche ausgehändigt. Doch als diese die Geldtasche durchsuchen wollte, habe er ihre Dienstnummer verlangt. Die Antwort sei Pfefferspray ihres Kollegen gewesen.

Mit Pfefferspray ruhig gestellt

Ganz anders erzählten das am Montag die beiden Polizeibeamten. Der Mann hätte sich mit Fäusten, Tritten und Bissen gewehrt. Bereits am Boden liegend habe man ihn mit Pfefferspray ruhig gestellt. Die einzigen beiden Zeuginnen des Vorfalls, eine in Frankreich lebende Architektin und ihre in Deutschland lebende Schulfreundin, beides gebürtige Grazerinnen, die auf dem Heimweg von ihrem Maturatreffen waren, sahen etwas anderes. Ihre Aussagen decken sich mit dem, was J. am Montag mit Hilfe einer Dolmetscherin Richter Karl Buchgraber erzählte. Die Frauen schickten dann von sich aus Berichte ans Büro für Innere Angelegenheiten im Innenministerium.

Anwalt Klaus Kocher, der J. in beiden Verfahren vertritt, forderte - nachdem ein vom Richter empörter Zuseher die Tür knallend den Verhandlungssaal verlassen hatte - "ein fair trial" für seinen Mandanten, weil diesem wiederholt das Wort abgeschnitten worden war. "Ihre Verhandlungsweise lässt in gewisser Weise zu wünschen übrig", meinte der Rechtsvertreter. Buchgraber drohte Kocher daraufhin mit dem Ausschluss von der Verhandlung. Der Prozess wurde auf nächsten Dienstag vertagt. Dann werden auch die beiden Zeuginnen aussagen. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD-Printausgabe, 10.10.2006)

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