Küberl hält grundlegende Neupositionierung des ORF für notwendig

9. Oktober 2006, 18:26
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Erhalten der Marktführerschaft bei gleichzeitiger intelligenter Erfüllung des Programmauftrages - Kritische Partnerschaft zur Politik

"Wenn der ORF auch in Zukunft Marktführer in Österreich und Leitmedium des Landes sein will, dann ist eine klare Neupositionierung erforderlich." Zu diesem Schluss kommt Caritas-Präsident und ORF-Stiftungsratmitglied Franz Küberl im Interview mit der APA. Es dürfe hier aber nicht etwa bloß eine Nachjustierung der "Zeiler-Reform" stattfinden, sondern eine grundlegende Neupositionierung, deren Ziel das "Erhalten der Marktführerschaft bei gleichzeitiger intelligenter Erfüllung des Programmauftrages sein" müsse, führt Küberl aus.

Leitmedium zu sein, verpflichte neben der Ausformung der sozialen Kompetenz auch zu einem kritischen Profil und Unabhängigkeit - sowohl am Küniglberg, wie auch in den Landesstudios. Weiters hätten in den Bundesländerstudios die gleichen programmatischen Qualitätsansprüche eines öffentlich-rechtlichen Senders zu gelten, wie im Gesamt-ORF. "Eine ORF-Reform darf kein öffentlich-rechtliches Halbprogramm mehr bieten wie bisher, sondern muss zu einem öffentlich-rechtlichen Vollprogramm zurückkehren", so Küberl.

"Soziale Kompetenz" wahrnehmen

Ein Teil der zukünftigen Existenz sei sicherlich der Besitz von Programmrechten, wie die britische BBC aber auch andere öffentlich-rechtliche Sender zeigen. "Ramschige" US-Filme, so Küberl, müssten tunlichst weggelassen werden und stattdessen über Eigenproduktionen die Österreich-Identität gefördert werden. Der ORF müsse seine "soziale Kompetenz", die er den Zusehern gegenüber hat, wahrnehmen. "Soziale Kompetenz meint, dass der ORF die Menschen - seine Zuseher - ernst nimmt, in dem er das Programm nach den unterschiedlichen Bedürfnissen der Zuschauer ausrichtet. Der Auftrag lautet 'Programm für alle'. Dies ist nicht gleichzusetzen mit der generellen Bequemlichkeit, immer den geringen Aufwand zu suchen. Das Publikum lässt sich fordern, wenn man ihm auch vermitteln kann, welchen Sinn eine Anstrengung macht."

Vorbild Radio

Hinsichtlich der Information, in der "offenbar noch immer kein vernünftig ausbalanciertes Verhältnis zwischen der Politik und den Medien" zu geben scheint, rät Küberl zum Vorbild Radio. "Interessant ist, dass die Radioprogramme des ORF weitestgehend aus der parteipolitischen ORF-Debatte herausgehalten sind", meint der unabhängige Stiftungsrat. Sie scheinen "ihre Programme klarer konturieren zu können und sie scheinen auch bei massiver Konkurrenz in gewisser Weise konkurrenzlos zu bleiben. Vielleicht liegt hier innerhalb des ORF ein Erfolgs- und Lernfeld vor, das in gewisser Weise für das Fernsehen Aufschlüsse geben könnte".

Kritische Partnerschaft zur Politik

Hart ins Gericht geht Küberl auch mit der Politik. "Nach 60 Jahren Zweite Republik und mehr als 150 Jahren der Entwicklung der modernen Massenmedien gibt es noch immer kein vernünftig ausbalanciertes Verhältnis zwischen Politik und Medien." Diverse "Freundeskreise" regierten den ORF-Stiftungsrat und von den Spitzen der politischen Parteien werden die Hauptnachrichtensendungen des ORF als "wahlentscheidend eingeschätzt" und daher meint die jeweilige Regierung "ruhiger schlafen zu können", wenn jemand an der Spitze des ORF fungiert, dem sie "vertrauen" könne. "Das kommt jedoch einer groben Unterschätzung bzw. Falscheinschätzung der Wähler gleich. Dass Wahlen gewonnen oder verloren werden können, egal wer gerade Chefin oder Chef im ORF ist, scheint für Parteisekretäre nur schwer nachvollziehbar." Fazit Küberls: "Der ORF ist ein Kind der Zweiten Republik und der Politik der Parteien der Zweiten Republik. Aber nichtsdestotrotz muss nach 50 Jahren Rundfunkpolitik das Ziel eine kritische Partnerschaft sein." (APA)

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