Pressestimmen: "Putins Leute verantwortlich"

16. Oktober 2006, 14:30
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"Wedomosti": Ein Mord als höchstes Lob für Journalisten

Genf/Paris/Moskau/Washington/Moskau/London/Oslo (APA/dpa) - Internationale Pressestimmen vom Montag zum Mord an der regierungskritischen russischen Journalistin Anna Politkowskaja:

"Neue Zürcher Zeitung":

"In den letzten Jahren ist es der russischen Regierung gelungen, die unbequeme Tschetschenienfrage auf weite Strecken aus den Schlagzeilen verschwinden zu lassen. (...) Die Aufmerksamkeit für dieses Thema ist übrigens auch im Westen deutlich geschrumpft - von kurzen Wiederbelebungen bei atemraubenden Terror-Tragödien wie im Moskauer Musicaltheater vor vier oder in Beslan vor zwei Jahren einmal abgesehen. Anna Politkowskaja war deshalb mit ihren Reportagen und Anklagen über die trotz allen Veränderungen von verschiedenen Kräften (...) immer noch praktizierte Willkür in Tschetschenien eine ziemlich einsame Stimme in Putins Russland. In Bezug auf das tschetschenische Drama stand die zierliche Frau mit dem radikalen Willen zur Wahrheit für den besten Teil von Russlands Gewissen."

"Basler Zeitung" :

"Auch sattere Bürger als vor zehn Jahren machen noch kein stabiles Russland. Zumal Staat und Gesellschaft wieder ein Eigenleben führen. Die politische Kaste operiert unterdessen im Interesse von Machterhaltung und Umverteilung mit 'pluralistischen Feindbildern' - seien es Tschetschenen, Georgier oder wer auch immer. Vergessen ist, dass die Sowjetunion durch das Zündeln an ethischen Konflikten und einem plötzlich sinkenden Ölpreis zugrunde ging. Unter dem Stabilitätsgaranten Wladimir Putin ist ein System von Willkür und Gewalt entstanden, Verrohung hat die gesamte Gesellschaft heimgesucht. Putin ist dagegen machtlos. Sollte sich das eines Tages entladen, wird in Russland der Mob die Macht an sich reißen, im Vergleich zu dem der Kremlchef in der Tat ein 'lupenreiner Demokrat' war."

"Libération" (Paris):

"In einer angepassten, also zu 99 Prozent verfälschten Medienlandschaft wog sie nicht schwer. Doch auch das war zu viel. (...) Denn Putins Ordnung wird in Russland, das ein allgegenwärtiger Polizeistaat geworden ist, strikt eingehalten. (...) Putin fährt unangefochten beim Wiederaufbau einer russischen Autokratie vor, wie es sie in der Vergangenheit gab, die sich den Nachbarn gegenüber aggressiv verhält (...) und ihre eigenen Bürger unterdrückt. Anna Politkowsakaja ging mit schlechtem Beispiel voran."

Boulevardzeitung "Moskowski Komsomolez" (Moskau):

"Entschuldigen Sie, Wladimir Wladimirowitsch, dass wir Medien Sie ärgern, immer nicht das Richtige sagen oder schreiben. Auch Anna Politkowskaja benahm sich so, dass wohl irgendein Teil ihres Machtapparates (die Kaukasier?, die Petersburger?) sich gezwungen sah, sie zu töten. (...) Diesen Tod hat die Macht in Auftrag gegeben, also ihre Leute, andere gibt es längst nicht mehr. Das war ein politischer Mord (private Motive entfallen). Also ist es bei uns Politik, dass Probleme mit Schüssen im Hausflur gelöst werden."

"Wedomosti" (Moskau):

"In Russland hat sich eine besondere Tradition gebildet, kompromisslose Reporter auszuzeichnen - den Schlusspunkt unter ihre Arbeit setzt ein Mord. Das Märtyrerbuch des russischen Journalismus umfasst Dutzende Namen, darunter Dmitri Cholodow, Wladislaw Listjew, Igor Dominikow, Waleri Iwanow, Alexej Sidorow, Juri Schtschekoschichin, Paul Klebnikov, Anna Politkowskaja. Als Kommentatorin der 'Nowaja Gaseta' hat Anna Politkowskaja über Dinge geschrieben, die sonst verschwiegen worden wären."

"Washington Post":

"Wie die russische und osteuropäische Geschichte zeigt, müssen nicht Millionen von Menschen umgebracht werden, um andere einzuschüchtern. Einige ausgewählte Attentate, zur richtigen Zeit und am richtigen Ort, reichen üblicherweise aus. Seit der Verhaftung des Öl-Magnaten Michail Chodorkowski 2003 hat kein anderer russischer Oligarch den Versuch unternommen, politisch unabhängige Töne anzuschlagen. Und seit dem Anschlag auf Politkowskaja am Samstag, ist es nur schwer vorstellbar, dass viele russische Journalisten ihren Fußspuren nach Grosny folgen werden."

"The Independent" (London):

"Wer immer die Hintermänner des Mordes an Anna Politkowskaja sind, Wladimir Putin kann nicht der Verantwortung für ein politische Klima entkommen, in dem Gesetzte so skrupellos gebrochen werden. Auftragsmorde sind keine Seltenheit. Und jene, die öffentlich Position beziehen, ob nun gegen den Kreml oder gegen die Korruption, müssen um ihr Leben fürchten. Wir können nur hoffen, dass die Trauer über Anna Politkowskajas Tod andere in Russland inspiriert, ihre Arbeit fortzusetzen."

"Aftenposten" (Oslo):

"Die Journalistin Anna Politkowskaja wurde brutal ermordet. Niemand hat wie sie die Schattenseiten des Krieges beschrieben, den das postkommunistische Russland in Tschetschenien führt. Und niemand hat wie sie journalistischen Anstand bewiesen, als sie die derzeitigen Machthaber im Kreml kritisierte. Dafür wurde sie national wie international berühmt und verdientermaßen mit Preisen geehrt. Aber sie wurde auch eine gefährliche Frau für die russischen Machthaber. (...) Die Nachforschungen zum Mord an Politkowskaja werden ein Lackmustest für den Willen der russischen Gesellschaft zum Aufräumen in den eigenen Reihen sein. Sie werden auch ein Test sein, wie viel Offenheit die derzeit Herrschenden in Russland aushalten. Wir dürfen nicht akzeptieren, dass der Mord an Anna Politkowskaja unter den russischen Gesellschaftsteppich gekehrt wird." (APA)

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