Europa hatte nie eine reine Seele

8. Oktober 2006, 19:42
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Der neue Friedenspreisträger des Deuschen Buchhandles, Wolf Lepenies, plädierte in seiner Dankesrede für einen differenzierteren Zugang zum Islam - Auszüge als Kommentar der anderen

Am Sonntag erhielt der deutsche Soziologe Wolf Lepenies in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.


Forschung in Zeiten des Krieges - eine Chronik der Vergeblichkeit? Ihn erfasse das Gefühl eines schrecklichen Déjà-vu, schrieb im Sommer ein Orientwissenschafter, der lange in Beirut gelebt hatte. Klein und nichtig komme man sich in Kriegszeiten vor. Bleibt der Wissenschaft nur das Schweigen?

1793 fragte der Verleger Carl Spener Immanuel Kant, ob man nicht eine Neuauflage seiner "herzerhebenden" Abhandlung "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" ins Auge fassen könne. Deren Kerngedanke einer "allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft" habe bei den europäischen Fürsten kein Echo gefunden. In Zeiten wachsender politischer Spannung müsse man dies ändern, forderte Spener: "Ist es nicht Pflicht, durch irgend einen Tropfen Öls die schreckliche friction zu vermindern, die Hunderttausende zu zerquetschen droht?"

Kant lehnte ab: "Wenn die Starken in der Welt im Zustande eines Rausches sind" [...], warnte er, "so ist einem Pygmäen, dem seine Haut lieb ist, zu raten, dass er sich ja nicht in ihren Streit mische." Drei Jahre später mischte der Philosoph sich ein: Die Schrift Zum Ewigen Frieden war auch an die "Starken in der Welt" adressiert. Es handelte sich dabei, wie selbst Kritiker sagten, um "eine ernste, tiefe, überschwenglich große Idee", und "wenn es eine Wissenschaft gäbe, die die Mittel zum ewigen Frieden lehrte, so wäre diese unter allen menschlichen die höchste."

Kant war kein Träumer. Seine geschichtsphilosophische Hoffnung blieb wirklichkeitsnah; anthropologische Skepsis begleitete sie. Der Mensch ist ein krummes Holz, aus dem nichts ganz Gerades gezimmert werden kann, er ist ein Tier, das einen Herrn nötig hat, "Ehrsucht, Herrschsucht oder Habsucht" treiben ihn. Die Errichtung eines "großen Völkerbundes" ist anthropologisch unwahrscheinlich - und dennoch muss die Menschengattung sich von dieser Idee leiten lassen, auch wenn die "eigentliche, empirische Geschichte" weit entfernt davon bleibt.

Der Frieden und die Wissenschaft sind keine natürlichen Alliierten. Die Wissenschaft kann der Tropfen Öl sein, der schreckliche "frictionen" mildert; oft aber wirkt sie wie Öl, das man ins Feuer gießt. Die Orientwissenschaften sind dafür ein Beispiel. Bismarck nannte die orientalische Frage ein Gebiet, auf welchem die Deutschen ihren Freunden nutzen und ihren Gegnern schaden könnten. Nutzen und Schaden sollte das Seminar für Orientalische Sprachen befördern, das auf Initiative des Reichskanzlers 1887 an der Berliner Universität gegründet wurde.

Im Dritten Reich wurde das Seminar Teil der Auslandswissenschaften, die sich mit den "Kulturideologien fremder Völker" beschäftigten. Ihren Aufschwung erlebten sie im Zweiten Weltkrieg; angesiedelt im Reichssicherheitshauptamt der SS, war die zentrale Aufgabe der Auslandswissenschaften die "weltanschauliche Gegnerbekämpfung" - "auf rein wissenschaftlicher Basis", wie ein Referent namens Adolf Eichmann betonte.

Angesichts der auch in Europa wachsenden Bedrohung durch den islamistisch geprägten Terror wird gefordert, die "Auslandswissenschaften" sollten verstärkt "Gegnerforschung" betreiben und im Weltbürgerkrieg der Gegenwart in Stellung gehen. Die Forderung wirkt durch die Verwendung des Vokabulars aus der Nazizeit provokativ - in der Sache ist sie es nicht.

Es wäre selbstmörderisch, auf "Gegnerforschung" zu verzichten. Notwendig ist es, der Militanz wehrhaft zu begegnen - auch mit den Mitteln der Wissenschaft. Es reicht aber nicht mehr aus, sich zum Erkennen von Gegnern und zur Abwehr von Feinden wie in Bismarcks Zeiten in die Mentalität von Fremden zu versetzen. Wenn beispielsweise der britische Innenminister die Terroristen von London "sehr böse Menschen" nennt, spricht er nicht nur von Muslimen, sondern zugleich von britischen, in Großbritannien geborenen Staatsbürgern. Um zu verstehen, wie sie zu Terroristen wurden, genügt keine "Auslands"-, dazu bedarf es auch einer "Inlandswissenschaft". Nicht nur die Abwehr des Islamismus, auch die Kritik des Islam ist - wie jede Religionskritik - legitim. Diese Kritik aber kann die Versäumnisse der europäischen Integrationspolitik nicht kompensieren.

Das heißt: Angesichts der Bedrohung, der wir uns gegenübersehen, muss man den Nutzen einer Disziplin wie der Islamwissenschaft für die "Gegnerforschung" nüchtern einschätzen. Wenn wir glauben, die Ursachen des Terrors einzig in den "Kulturideologien fremder Völker" finden zu können, sind wir längst Kombattanten im "Krieg der Kulturen", den die Fundamentalisten herbeibomben wollen.

Dagegen können wir aber auch nicht das treuherzige Wunschbild einer "Koalition der Kulturen" setzen. Was wir dagegensetzen müssen, ist zunächst die historische Einsicht in die engen Verflechtungen des Westens mit der islamischen Welt.

Die Erinnerung an diese Verflechtungen ist ein Skandalon, ein Ärgernis für beide Seiten. Wie groß dieses Ärgernis im Westen stets gewesen ist, zeigt ein Schlüsseltext europäischer Aufklärungsskepsis, die Preisschrift Rousseaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, in welcher die Frage nach dem Nutzen der Wissenschaften und der Künste für die Gesellschaft negativ beantwortet wird. Rousseau erinnert an die Vorgeschichte der Renaissance, als Europa in Unwissenheit und Barbarei zurückgefallen war: "Es musste eine Revolution erfolgen, um die Menschen zur gesunden Vernunft zurückzuführen; sie kam endlich, und zwar von einer Seite, woher man es am wenigsten vermutet hätte. Der dumme Muselmann, dieser geschworene Feind der Gelehrsamkeit, war es, der sie unter uns wieder aufweckte."

Die Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 macht "den dummen Muselmann" zum Mit-Urheber von Renaissance und Aufklärung - ein Skandal, für das europäische Selbstbewusstsein ein Stolperstein. Bis heute. Wollen wir, wenn wir der laizistisch verfassten Türkei die Perspektive einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union mit dem Argument vorenthalten, auf unserem Kontinent werde ein muslimisches Land ein Fremdkörper bleiben, wissen, wie sehr unser christliches Mittelalter vom Islam geprägt wurde?

Darf man daran erinnern, dass Europa das antike Erbe auch durch die Vermittlung der arabisch-islamischen Kultur empfangen hat? Können wir die Aufklärung noch länger als westliches Unikat beanspruchen, wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass sie ihre jüdisch-arabischen Wurzeln hatte? Gegen die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union sprechen schwer wiegende Gründe: die Missachtung der Menschenrechte, der fehlende Minderheitenschutz, das drohende demografische Ungleichgewicht, die Gefahr einer Funktionsunfähigkeit der europäischen Institutionen. Gegen die Aufnahme der Türkei spricht nicht, dass damit das christliche Europa seine Seele verlöre. Europa - darin lag seine Stärke - hatte nie eine reine Seele. (...) (DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2006)

Zur Person
Wolf Lepenies
war 15 Jahre lang, von 1986 bis 2001, Leiter des Wissenschaftskollegs in Berlin. In dieser Zeit gründete er "Centers of Excellence" in mehreren osteuropäischen Hauptstädten. Bereits 1995 richtete er den Forschungsschwerpunkt "Moderne und Islam" ein.
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    Wolf Lepenies fordert die "historische Einsicht in die engen Verflechtungen des Westens mit der islamischen Welt."

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