"Powerhouse" Türkei

25. Oktober 2006, 12:28
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Für ausländische Inves­toren gilt die Türkei bereits als strategisches Investment. Auch für Privatanleger ergeben sich Chancen

In der Politik gehen die Meinungen über einen EU-Beitritt der Türkei weit auseinander. Investoren, Unternehmer und Analysten interessierte dieses Thema bei der Investorenkonferenz der CA IB in Istanbul nur am Rande. Ob und wann die Türkei EU-Mitglied werde, sei zweitrangig. Hauptsache seien die Verhandlungen, die gewährleisten, dass sich Unternehmen auf internationale Standards ausrichten.

Investoren blicken auf die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei, und diese überzeugt. Die Exporte stiegen 2005 um 16 Prozent auf 73,5 Mrd. Dollar (58,3 Mrd. Euro), die Wachstumsrate betrug 7,6 Prozent. Als großer Erfolg gilt die Senkung der Inflation von 70 (2001) auf 7,7 Prozent (2005). Auch die Leitzinsen sanken von nahezu 100 Prozent auf einen Tiefststand von 13,25 Prozent. Zuletzt hat die Notenbank zur Stützung der türkischen Lira allerdings wieder an der Zinsschraube gedreht: Die für die Finanzausstattung der Banken maßgeblichen Leitzinsen betragen nun 17,50 und 22,50 Prozent. Höhere Zinsen machen festverzinsliche Anlagen auch für internationale Anleger attraktiver und locken damit ausländisches Kapital an.

Rating BB-

Ratingagenturen wie Standard & Poors und Fitch haben diese Entwicklung positiv mit einem Rating von BB- beurteilt. Vor allem internationale Pensionsfonds machen davon ihr Engagement auf Auslandsmärkten abhängig. Und neben einer schwachen türkischen Lira ist frisches Kapital genau der Treibstoff, den türkische Unternehmen brauchen, um ihrer Expansion voranzutreiben und Kapazitätsengpässe zu überwinden.

"Viele ausländische Investoren bezeichnen die Türkei bereits als 'strategische Investition'", erklärt Simon Quijano-Evans, Leiter des Bereiches Fixed Income der CA IB. Zu den Bric-Ländern (Brasilien, Russland, Indien und China) sei ein T (Türkei) hinzugekommen. Die direkten Auslandsinvestitionen haben sich zuletzt rasant entwickelt: 2004/2005 flossen elf Mrd. Euro in die Türkei - so viel wie von 1990 bis 2003.

Wasser und Öl

Ein Hauptproblem des Landes sei das hohe Leistungsbilanzdefizit von rund 23 Mrd. Dollar (2005). Verursacht werde es hauptsächlich durch notwendige Ölimporte aufgrund fehlender eigener Ressourcen. Quijano-Evans: "Dafür hat die Türkei sehr hohe Frischwasserressourcen." Da sauberes Wasser ein immer wichtigerer Rohstoff wird, glaubt Quijano-Evans an die Möglichkeit von Wasserpipelines, die künftig Geld in die Türkei bringen könnten. Die Gespräche über einen EU-Beitritt seien sehr wichtig, denn sie führen dazu, "dass Betriebe bereits jetzt nach internationalen Vorschriften produzieren". Auch im Energie- und Umweltbereich werde es zu Anpassungen an EU-Standards kommen müssen.

Für die Investmenttochter der BA-CA ist die Türkei mit rund 80 Mio. Einwohnern nach Österreich und Polen der drittgrößte Markt, erklärt Fritz Schweiger, Vorstandsvorsitzender der CA IB. Bereits ein Viertel des Geschäftes komme aus der Türkei. "Es gibt viele Unternehmen, die sehr hohes Potenzial haben", sagte Schweiger am Rande der Konferenz. Der Lebensstandard steige nachhaltig, und auch im Export habe das Land seine Stärke bewiesen. Schweiger: "Die Türkei ist bereits einer der größten Exporteure in die EU." Im Bereich Bau- und Dämmstoffe sowie bei Fliesen sei die Türkei bereits größter Konkurrent zu Europa.

Als Heuschrecken werden Finanzinvestoren in der Türkei nicht angesehen. Zu viel Macht wollen die Unternehmer allerdings nicht aus der Hand geben. Schweiger: "Alle sind willkommen, solange die Kirche im Dorf bleibt."

Volatile Märkte

Die Istanbuler Börse habe sich gut entwickelt. Etwa zwei Mrd. Euro werden täglich umgesetzt. Türkische Händler, erklärt Schweiger, kaufen und verkaufen sehr schnell. Sie wechseln die Papiere flott und spekulieren viel. "Die Leute kaufen, wenn sie optimistisch sind, und verkaufen sehr schnell wieder." Privatanlegern empfiehlt Schweiger, über Fonds am türkischen Markt zu partizipieren. Allerdings müsse dabei ein langer Anlagehorizont (rund zehn Jahre) berücksichtigt werden, bei dem Anleger mitunter durch "Licht und Schatten gehen. Wer in der Türkei veranlagen möchte, muss mit sehr volatilen Märkten rechnen. Krisen gehören hier zum Geschäft."

Enorme Bankendichte

Die Bankendichte in Istanbul ist enorm. Haupteinnahmequelle sind Privatkredite. "Die Leute hier sind teilweise sehr hoch verschuldet", weiß Erika Teoman-Brenner, österreichische Handelsdelegierte in Istanbul. Viele Haushalte seien neben Miete und Lebenshaltungskosten durch hohe Ausbildungskosten stark unter Druck. Rückzahlungszinsen bewegen sich zwischen 13 und 15 Prozent. Aber der Konsum verlocke, selbst Wimperntusche könne bereits in Raten bezahlt werden. Interessant werde derzeit der Markt für Lebensversicherungen und private Gesundheitsvorsorge. Denn mit dem ersten Wohlstand komme auch das Bedürfnis nach Absicherung.

Wer lieber auf Einzelaktien setzt, könne sich an Bankentitel halten, rät Schweiger. Diese seien im Moment teilweise sehr günstig und würden sich daher für einen Einstieg anbieten. Ebenfalls interessant sei der Bereiche Tourismus - zum Kauf empfiehlt die CA IB Aktien der Fluglinie Turkish Airlines - sowie die Immobilien- und Baubranche. In diesem Bereich setzen die CA-IB-Analysten auf den Zementhersteller Akcansa. Die Mieten seien zwar deutlich gestiegen. Bei Gewerbeimmobilien sei aber immer noch eine Rendite von acht bis neun Prozent zu erwirtschaften. Rund 300 Titel sind in Istanbul gelistet. Bis zum Jahresende werden noch sieben Börsengänge erwartet.

Starker Inlandsmarkt

Mark Robinson, Chef-Stratege der CA IB in London, bezeichnet die Türkei als "Powerhouse" mit einem stark wachsenden Inlandsmarkt: "Rund 60 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre, die Geschäfte und die Wirtschaft entwickeln sich gut." Wenngleich die Kluft zwischen Arm und Reich enorm sei, der Mittelstand sich nur langsam entwickle und hohe Arbeitslosigkeit belastend wirke, meint Robinson: "Es wird sich nicht die Frage stellen, ob die Türkei die EU braucht. In zehn Jahren braucht die EU die Türkei."

Investoren beeilen sich, im "Powerhouse" am Bosporus zu landen. Wie der Kunstflug (im Bild das Red Bull Air Race in Istanbul) sind jedoch die Märkte sehr riskant, und man sollte gute Nerven und einen langen Anlagehorizont mitbringen. (Bettina Pfluger aus Istanbul, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.10.2006)

  • Investoren beeilen sich, im "Powerhouse" am Bosporus zu landen. Wie der Kunstflug (im Bild das Red Bull Air Race in Istanbul) sind jedoch die Märkte sehr riskant, und man sollte gute Nerven und einen langen Anlagehorizont mitbringen.
    foto: balazs gardi/red bull

    Investoren beeilen sich, im "Powerhouse" am Bosporus zu landen. Wie der Kunstflug (im Bild das Red Bull Air Race in Istanbul) sind jedoch die Märkte sehr riskant, und man sollte gute Nerven und einen langen Anlagehorizont mitbringen.

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