Kalter Friede in Tschetschenien

16. Oktober 2006, 14:30
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Das moskaufreundliche Regime versucht in Grosny Normalität zu signalisieren

Grosny - Nur zwei Tage vor dem Mord in Moskau gaben sich die Machthaber in Grosny alle Mühe, so etwas wie Normalität zu zeigen: Der Flughafen der tschetschenischen Hauptstadt wurde wieder in Betrieb genommen. Zum ersten Mal seit zehn Jahren landete am vergangenen Donnerstag wieder ein Passagierflugzeug in Grosny.

Die Renovierung des noch vor zwei Jahren völlig zerstörten Flughafens geht einher mit dem Wiederaufbau des Stadtzentrums. Die tschetschenische Führung kündigte an, dass bis Ende 2007 die letzte Ruine aus dem Stadtbild verschwinden soll. Ein Großteil der Baukosten wird durch Spenden beglichen, die der Staat von der Wirtschaft einfordert.

Kampf um die Unabhängigkeit

Das kaukasische Tschetschenien kämpft seit 1994 um seine Unabhängigkeit von Russland, es wird mehrheitlich von Muslimen bewohnt. Massenentführungen der Rebellen führten zu einem Waffenstillstand. Russland zog 1996 seine Streitkräfte zurück. Während einer dreijährigen De-Facto-Unabhängigkeit beherrschten Gewalt und Verbrechen die Republik. Sie geriet immer stärker unter den Einfluss radikaler muslimischer Gruppen, die einen Kalifatstaat errichten wollten. Die russische Armee kehrte 1999 in das Gebiet zurück.

Präsident Wladimir Putin sorgte ab 2000 dafür, dass verbündete Tschetschenen eine Russland-freundliche Regierung anführen. 2004 wurde der auf diese Weise an die Macht gekommene Präsident Achmad Kadyrow ermordet. Ihm folgte sein Sohn Ramsan als starker Mann in Grosny nach. Nach wie vor verüben Rebellen regelmäßig Anschläge auf russische Truppen und Zivilisten und schlagen auch in Nachbarrepubliken zu. Die russischen Truppen im Land werden zahlreicher Menschenrechtsverletzungen beschuldigt. Moskau rechtfertigt die Übergriffe mit dem Kampf gegen den internationalen islamistischen Terrorismus.

Keine unangekündigten Gefängnisbesuche

Erst vergangene Woche stornierte der UN-Sonderberichterstatter im Kampf gegen die Folter, der Österreicher Manfred Nowak, eine Fact-Finding-Mission in Tschetschenien und anderen Kaukasus-Republiken. Der Grund dafür ist laut Nowak, dass die russischen Behörden entgegen ursprünglichen Zusagen kurzfristig ihre Zustimmung zu unangekündigten Gefängnisbesuchen und Vier-Augen-Gesprächen des UN-Beauftragten mit Gefangenen zurückzogen. (dpa, Reuters, DER STANDARD, Printausgabe 9.10.2006)

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    Russische Soldaten bewachen gefangene tschetschenische Rebellen. Der russischen Armee werden zahlreiche Übergriffe und Menschenrechtsverstöße angelastet.

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