Kammermusik und Körperschmerz

19. Oktober 2006, 20:10
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Neuheiten beim "musikprotokoll"

Graz - Schuhe aus - und dann ab zum doppelten Rollenwechsel. Da liegt man also plötzlich nicht nur mitten in der Helmut-List-Halle auf einer weichen Futonfläche, gleich daneben herbst-Intendantin Kaup-Hasler; man darf sich auch ein bisschen beobachtet fühlen. Komponist Klaus Lang hat bei seinem Werk, Fichten, das Grazer recreation-Orchester mithilfe des Raumkonzeptes von Claudia Doderer in Quadratform um die Zuschauer postiert. Für die Musiker sicherlich einmal erheiternd, die sonst alles von Stühlen aus Beobachtenden selbst einmal in Augenschein zu nehmen.

Doch versonnen gleitet die Musik dahin, entspannt, nur punktuell grunzt es aus dem Orchester. In einem zeitlupenhaften Glissando gleiten Töne hinauf, nähern sich einander an, gehen auf ihrer Wanderschaft wieder auseinander, ergeben Flächen zwischen hell und dunkel. Es ist eine Art riesiges Mantra, das den Hörer auf sich selbst zurückwirft. Der eine wählt die Embryo-Position. Ein anderer zieht den Lotossitz vor. Und ja, eine Dame packt es, sie wiegt sich im nicht vorhandenen Rhythmus, während andere die knappe Stunde lang verdächtig reglos bleiben . . . Einen kleinen Selbsterfahrungstrip beschert einem Lang, aber klanglich raffiniert angelegt. Im Piano wird an der Chillout-Atmosphäre gebastelt (Dirigent: Rupert Huber). Aber man spürt die Kunst, aus kleinsten Bewegungen ein auratisches Ganzes zu entwickeln.

Das Grazer musikprotokoll, im Rahmen des steirischen herbstes, beherrscht allerdings auch den Kontrast. Im Dom im Berg, bei der Gruppe Verdensteatret und ihren Concert for Greenland, hat man bisweilen das Gefühl, Opfer einer akustischen Körperverletzung zu sein. Das Projekt ist eine Kunstbranchen-übergreifende Assoziationsreise durch Grönland. Theater, Film, Schattenspiele und Musik durchwirken einander; im Zentrum stehen skurrile, kleine Roboter, deren Hin- und Her-Verschiebung magenmassierende Geräusche hervorbringt, die sich schließlich von einem improvisatorisch traktiertem Klavier und melancholischen Klängen ablösen lassen. Da sind mächtig viele Laptops in Aktion, um die Elemente zu betreuen. Eine Materialfundgrube der Künste ist dies, bisweilen etwas schrullig-enigmatisch. Punktuell dann aber gut für dichte Momente.

Slide-Gamba

Jene schützenden Ohrstöpsel, die tags darauf präventiv in der Aula der Alten Universität verteilt wurden, wären bei der Grönlandreise eher angebracht gewesen als beim Konzert von Jorge Sanchez-Chiong. Weder stolen mercury, bei dem Turntables und eine Slidegitarrenmäig traktierte Viola da Gamba (Eva Reiter) dialogisierten, noch bei final girl (einem linear geprägten, rasanten Solo von Fagottist Robert Buschek) waren sie nötig. Auch nicht beim elektronischen Ensemblestück transfuga - a francis burt, bei dem eine filigrane, delikate Ballade zu einer kollektiven, freien Improvisation ausuferte.

Kammermusikalisches ebendort von Georg Friedrich Haas: Die Neuen Vocalisten Stuttgart vermittelten die zwischen abstraktem Ausdruck und ätherischer Stimmung pendelnden Liebesgedichte delikat; besonders eindringlich aber das Solo für Viola d'amore. Garth Knox setzt gestische Momente ebenso subtil um wie die mikrotonalen Idyllen, bewegt sich in einem Kosmos, in dem Komplexität und sinnliche Unmittelbarkeit zueinander finden. (Ljubiaa Toaiæ /DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2006)

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