"Es ist tödlich, mein Informant zu sein" - Interview zur Nachlese

19. Oktober 2006, 15:22
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Die österreichische Reporter ohne Grenzen-Leiterin Rubina Möhring interviewte Anna Politkowskaja im Dezember 2005

Im Dezember 2005 führte die Chefin der österreichischen Reporter ohne Grenzen, Rubina Möhring, im Wiener Akademietheater dieses Interview mit Anna Politkowskaja. Zu einer Podiumsdiskussion von IWM und Standard vor drei Wochen reiste sie nicht an. Sie fürchtete um ihr Leben.

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Rubina Möhring: In Ihrem Buch haben Sie die Medienpolitik in Russland dargestellt. Inwieweit erreicht eigentlich diese einseitige Propagandapolitik die Bevölkerung? Wir kennen das aus anderen Staaten, wenn zu einseitig informiert wird, dann wird Informationen kein Glauben mehr geschenkt.

Anna Politkowskaja: Glaubt die Bevölkerung noch etwas? Wir leben mit einer gewissen Vergangenheit - mit der Informationspolitik der sowjetischen Ära - und jetzt sind wir wieder mit einer ähnlichen Informationspolitik konfrontiert. Das heißt: Natürlich glauben die Leute nicht mehr, was in den offiziellen Medien gesagt wird. Die Tragödie von Beslan hat ein solches Ausmaß erreicht, dort musste eine solche Menge an Menschen sterben, weil von Anfang an klar war, dass die Menschen der Staatsmacht nicht glauben. Das, was offiziell mitgeteilt wurde, wurde nicht für wahr gehalten. Und die ganzen Verwandten und die Leute, die sich da am Schuleingang gezeigt haben, waren von Anfang an überzeugt, dass die Machthaber nichts Gutes wollten, haben sich selbst eingemischt und manches natürlich völlig unprofessionell gemacht. Aus diesem Grund hat sich die Situation dann noch aufgeheizt.

Möhring: Wie weit ist Ihr eigener Informationsradius, wie viele Menschen erreichen Sie?

Politkowskaja: Auf diese Frage, wie viele Leute jetzt unsere Informationen genau erreicht und wie viele Leute meine Artikel lesen, kann ich nicht genau antworten. Wir haben natürlich eine gewisse Auflage unserer Zeitung. Aber es ist verboten, unsere Zeitung in manche Regionen zu bringen, zum Beispiel in den nördlichen Kaukasus. Überhaupt ist der Kaukasus Sperrgebiet für unsere Zeitung. Die Leute behelfen sich damit, dass sie die Zeitung einfach kopieren. In der sowjetischen Ära gab es so etwas wie den Somisdat, das heißt, Untergrundliteratur, die vom einen zum anderen weitergegeben wurde, und daher kann ich Ihnen nicht sagen, wie viele Leute jetzt meine Artikel wirklich lesen.

Möhring: Sie selbst sind gar nicht nach Beslan gekommen. Sie wurden im Flugzeug vergiftet und mussten wieder zurück nach Moskau geflogen werden. Spätestens seit Ihrer Tsche-tschenien-Berichterstattung zählen Sie zu den Journalisten, die auf der schwarzen Liste des Kremls stehen. Wie gelingt es Ihnen, ihren Beruf trotzdem weiter auszuüben?

Politkowskaja: Ich bin natürlich nicht allein. Ich habe Informanten, die mir berichten, was vor Ort vorgeht. Und ich fühle mich verantwortlich für diese Menschen. Es ist manchmal tödlich, ein Informant von mir zu sein. Und ich sage das nicht einfach nur so leicht dahin: Ich habe etwa einen Artikel über die Korruption von Pro-Moskau-Beamten in Tschetschenien geschrieben. Die Regierung hat meine Zeitung und mich persönlich sofort geklagt. Wenige Wochen später habe ich erfahren, dass derjenige, der vor Gericht für mich aussagen sollte, gestorben ist. Also noch einmal: Die Menschen bezahlen wirklich mit dem Leben. Es passiert alle zwei, drei Monate, dass jemand verschwindet, der sagt, was er sich denkt.

Möhring: Das Ende der Sowjetunion ist noch nicht lange her. Wir wissen aus der Geschichte, dass Veränderungen in der Gesellschaft eine sehr lange Zeit brauchen, dass die Transformation nicht in fünfzehn Jahren abgeschlossen werden kann. Wie stark sind die demokratischen Kreise in Russland inzwischen eigentlich?

Politkowskaja: Die demokratischen Kreise sind in hohem Maße auf die Städte konzentriert. Unser Land besteht aber in hohem Maße aus einem ruralen Gebiet. Das ist ein Problem. Die demokratischen Parteien sind heute keineswegs populär. Ich würde sagen, das Volk ist nicht daran schuld. Denn die demokratischen Parteien haben sich in gewisser Weise hochnäsig benommen, indem sie nicht mehr mit dem Volk gesprochen haben, sondern eigentlich nur mehr mit dem Kreml. Und das bezahlt heute das Volk.

Möhring: Bekannt geworden sind Sie außerhalb Russlands vor allem mit Ihren Büchern und Ihrer Berichterstattung über den Bürgerkrieg in Tschetschenien. Wie kann dieser Krieg zu einem Ende kommen?

Politkowskaja: Ich glaube nicht, dass irgendein Ende in Sicht ist, und ich kann hier nicht die Optimistin spielen. Es werden keinerlei Schritte unternommen vonseiten der offiziellen Macht, irgendetwas zur Beendigung dieses Konflikts beizutragen. Es gibt keinerlei Signale für einen Dialog, weder von der einen noch von der anderen Seite.

Möhring: Offiziell läuft dieser Krieg seitens der Regierung unter dem Prätext "Terror bekämpfen". Westlichen Staaten debattieren über die Terrorbekämpfung in Zusammenhang mit der Achtung oder Nicht- beachtung des Völkerrechts. Stimmen warnen, dass Terrorbekämpfung nicht auf Kosten der eigenen kulturellen Substanz erfolgen dürfe. Wie stark ist diese demokratische Substanz in Russland?

Politkowskaja: De facto gibt es heute über dieses Thema überhaupt keinerlei Diskussion mehr. Wir sind gewöhnt, dass unter dem Titel der Terrorbekämpfung alle möglichen Menschenrechte außer Kraft gesetzt werden. Das erstaunt niemanden mehr. Aber die Erfahrung in Tschetschenien zeigt, dass das eigentlich überhaupt keinerlei Effekt hat. Heute gibt es dort mehr Banditengruppen als vor dem Krieg. Und eine der schlimmsten Folgen dieses Außerkraftsetzens der Menschenrechte ist die Tatsache, dass der Rassismus immer stärker wird. (DER STANDARD, Printausgabe 9.10.2006)

  • Geschützter Raum: Anna Politkows-kaja während eines Fellowships in der Biblio-thek des Instituts für die Wissen-schaften vom Menschen (IWM).
    foto: fischer

    Geschützter Raum: Anna Politkows-kaja während eines Fellowships in der Biblio-thek des Instituts für die Wissen-schaften vom Menschen (IWM).

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