Der Dramendichter als Mäusekönig

8. Oktober 2006, 19:43
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In Nicolas Stemanns freundlich akklamierter Uraufführungsinszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Ende und Anfang" erfährt ein Häuflein Verlorener Erlösung durch eine Maus: Trotzdem kein Stück für die Ewigkeit

Wien - Roland Schimmelpfennigs neues Stück Ende und Anfang, das sich "dramatisches Gedicht" nennt und infolge seiner rätselhaften Bruchstückhaftigkeit in den Abgrund der letzten Dinge hineinstarrt, dorthin, wo die Scherben von Himmel und Hölle durcheinandergeworfen liegen - Ende und Anfang also, ein Text voller schöpfungstheologischer Mucken und endzeitlicher Ahnungen, ist für die Katz.

Denn wenn sich die von Ausstatterin Katrin Nottrodt ingeniös nachgebaute Feuermauer des Wiener Akademietheaters emporhebt, um den Blick auf einen unverschämt blauen Quellwolkenhimmel freizugeben, sind alle "Figuren", die Schimmelpfennig aus Anekdotensplittern und Feilspänen hastig zusammengekrümelt hat, schon wieder aus dem Leim gegangen. Ein Schöpfungsunfall - trotz raunender Bedeutungsschwere.

Mehrere notorische Lebensverlierer mit unterschiedlichen Erwerbsbiografien feiern im "Personalaufenthaltsraum" eines nicht näher bezeichneten Gentechniklabors die Wonnen des Stillstands und das Elend der Prekarität: der schlotterdürre Lebenshungerkünstler Peter (Sebastian Rudolph), seine vom Schwindel der Hysterie angefasste Halbschwester Isabel (Myriam Schröder), die sowohl ihre Schlüssel als auch Teile ihres Gesichts abhanden gekommen wähnt.

Weiters ein bei einem Flugzeugabsturz verkohlter Schauspieler (Markus Hering), ein ältliches Russenpärchen, ein famos im Moralpanzer kreidestaubig feststeckender Oberstudienrat (Rudolf Melichar), der aufgrund einer peinlichen Freud'schen Fehlleistung in den Armen einer Studentin (Stefanie Dvorak) Erlösung findet.

Szenische Wrackteile

Und über allen Szenenwrackteilen, die eingesprochen werden wie apokryphe Evangelien, chorisch aufgepeppt und als Projektionsfutter aus dem Beamer: der Verweis auf eine gentechnisch manipulierte "leuchtende" Maus, die als Punktlampe via Draht aus dem Schnürboden herunterfällt. In den phosphoreszierenden Körperzellen der Maus stecke mehr Leuchtkraft für uns alle - die wir doch den Fährnissen und Zufälligkeiten des Lebens auf geradezu lachhafte Weise ausgeliefert sind! Vielleicht musste auch deswegen von Uraufführungsregisseur Nicolas Stemann ein wahrer Berg an szenischen Einfällen aufgehäuft werden - schöne, witzige, traumnahe Etüden der Vergeblichkeit und des tagtäglichen Sterbens und Nichtsterbenkönnens -, um zu erweisen: Das Leben in den Wohlfühlzonen der Globalgesellschaft ist weder materiell noch spirituell ein Honiglecken.

Berge kreisen, und ein Mäuslein von Theaterstück huscht durch die "Vorhölle", die die anderen sind (Sartre!), die keinen Retourzug mehr in das Paradies kennt (John Milton!), in der Selbstausbeuter der szenischen Überproduktion (Schimmelpfennig!) mit der Wurst ihrer doch arg ungleichwertigen Einfälle nach der Speckseite des Akademietheaters werfen.

Mausetote 75 Theaterminuten, ungeachtet ein paar hübscher, morbide funkelnder Irrwitzlichter. Katzen würden freilich Botho (Strauß) kaufen. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2006)

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    Wo geht's hier ins Himmelreich?"Der Vogelmann" (Philipp Hochmair) wählt die direkteste Strecke in das Schimmelpfennig-Paradies.

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