Reporter ohne Grenzen: "Klassische Hinrichtung"

9. Oktober 2006, 17:30
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Journalistin war Trägerin des Olof-Palme-Preises

Wien/Stockholm - "Es ist grausam genug, dass erst bei einem Mord an einer Journalistin oder an einem Journalisten die Öffentlichkeit darauf aufmerksam wird, wie gefährdet das Bürgerrecht Meinungsfreiheit und Pressefreiheit in unserer Zeit ist." Das erklärte Rubina Möhring, Präsidentin von "Reporter ohne Grenzen Österreich" am Samstagabend in einer Aussendung zur Ermordung der russischen Journalisten Anna Politkowskaja.

"Besonders bestürzend ist es jedoch, wenn es sich um eine Kollegin handelt, die man persönlich kennt. Anna Politkowskaja strahlte solch eine Kraft aus, als sie in unserem Gespräch auf der Bühne des Akademietheaters am 11. Dezember 2005 über ihre Arbeit, aber auch ihre persönliche Gefährdung sprach", so Möhring. "Für uns Journalisten war sie auch in ihrer Unbeirrbarkeit schon damals eine Ikone. Heute wirken ihre Worte vom 11. Dezember 2005 erschreckend prophetisch: 'Ich bin natürlich nicht allein. Ich habe Informanten, ich habe Menschen, die mir bereichten, was vor Ort vorgeht. Und ich fühle mich verantwortlich für diese Menschen."

Ermittlungen zu Korruption

Es sei manchmal tödlich, ein Informant von ihr zu sein, erklärte Politkowskaja laut "Reporter ohne Grenzen" im Dezember 2005 bei ihrem letzten öffentlichen Auftreten im Westen. "Und ich sage das nicht einfach nur so leicht hin, ich möchte Ihnen ein Beispiel anführen: Vor drei Wochen etwa habe ich einen Artikel geschrieben über die Korruption von Pro-Moskau-Beamten in Tschetschenien, und es gab dann sofort eine Klage von der Regierung, also es wurden meine Zeitung und ich persönlich geklagt. Und heute habe ich erfahren, dass derjenige, der vor Gericht für mich auftreten und aussagen sollte, gestorben ist. Also noch einmal, die Menschen bezahlen wirklich mit dem Leben und das passiert alle zwei, drei Monate, dass jemand verschwindet, der sagt, was er sich denkt. Man kann wirklich sagen, die Menschen bezahlen mit dem Leben dafür, dass sie laut aussprechen, was sie sich denken..."

Die Internationale Helsinki Föderation (IHF) rief den russischen Generalstaatsanwalt und das Innenministerium auf, die Kontrolle über die Ermittlungen zu dem mord zu übernehmen. IHF-Geschäftsführer Aaron Rhodes erklärte in einer Aussendung: "Wir sind schockiert, wir sind verstört und wir trauern mit ihrer Familie. Sie war eine der sehr wenigen russischen Journalistinnen und Journalisten, welche die Wirklichkeiten des Tschetschenien-Krieg erforschten. Sie war zweifellos die Tapferste von ihnen."

Nach Ansicht der Vorsitzenden des schwedischen Teilorganisation von "Reporter ohne Grenzen" (RSF), Eva Elmsäter, handelt es sioch bei dem Mord an Politowskaja um eine "klassische Hinrichtung". Elmsäter sagte am Samstagabend in einer ersten Reaktion auf die Nachricht von deren Ermordung, Politkowskaja sei als mutige Journalistin, die der Übermacht trotze, "fast eine Ikone" gewesen.

"Es ist eine klassische Hinrichtung für einen unbequemen Journalisten, voller Kugeln in einem Stiegenaufgang oder einem Lift aufgefunden zu werden. Leider passiert das in Russland viel zu oft", sagte Elmsäter zur schwedischen Nachrichtenagentur TT.

Politkowskaja hatte sich mehrmals in Schweden aufgehalten. Im Jänner 2005 erhielt sie dort gemeinsam mit beiden Menschenrechtsaktivisten Ludmila Alexegewa und Sergej Kowaljow den mit 40.000 Euro dotierten Olof-Palme-Preis für ihren Einsatz zur Förderung der Demokratie in Tschetschenien überreicht. (APA)

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