Verfall und Verrat

3. November 2006, 08:26
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Die indische Autorin Kiran Desai über Identität, Würde und Konflikte auf dem Dach der Welt

Eine einfache Liebesgeschichte: Das Mädchen Sai verliebt sich in seinen Lehrer. Der ist weder verheiratet noch pädophil. Es könnte also alles seinen glücklichen Gang gehen. Aber wir sind in Indien, an seinem äußersten Norden, in Sikkim, an den Hängen des Himalaja. Und in Indien ist nichts einfach. Kiran Desai zeigt anhand einer alltäglichen Begebenheit beispielhaft die verzweifelt komplizierten Bruchlinien auf, die sich durch die Gesellschaft ziehen.

Da ist einerseits die Kluft zwischen den Gebildeten und den Unterschichten, der Graben zwischen den politischen, nationalen und religiösen Lagern. Dann noch die innere Spaltung derjenigen, die das Privileg hatten, im Ausland studieren zu dürfen, und die dann ihre Loyalität zwischen der bewunderten europäischen oder amerikanischen Kultur und der eigenen Herkunft aufteilen sollen.

Verräter

Das ist umso schmerzlicher, als diejenigen, die sich an europäische, speziell britische Attitüden klammern, um sich von Rest des eigenen Volkes abzusetzen, von diesem als Verräter angesehen werden. Das bietet Zündstoff für nationalistische Ausbrüche und Radikalisierungen, mit deren Hilfe man das Selbstwertgefühl wiederherzustellen sucht.

Der Roman spielt in Kalimpong, dem alten Stützpunkt der BritInnen, im Grenzland zwischen Sikkim, Bhutan und Indien, wo sich Berg- und Tropenklima mischen und die ständige Feuchtigkeit alles in kurzer Zeit verrotten lässt. Auch das Haus des pensionierten Richters, einst der koloniale Sitz eines Schotten, ist vom Zerfall bedroht. Das Holz wird aufgefressen, Schimmel, Kälte und Düsterkeit bestimmen die sinistre Atmosphäre, in die Sai, die Enkelin des Richters, einbricht, nachdem sie ihre Eltern verloren hat und ihre christliche Klosterschule verlassen musste.

Das isolierte Haus in seiner atemberaubenden Lage hat schon lange nichts Großartiges mehr. Als letzter Bediensteter werkt ein alter Koch, dessen ganze Freude sein illegal in die USA eingewanderter Sohn ist. Dieser ferne Hoffnungsträger, dessen paradiesisches Leben man sich in der Bergheimat in den leuchtendsten Farben ausmalt, jobbt in Wirklichkeit als verstörtes U-Boot in abgetakelten Ethno-Lokalen New Yorks. Das ist die Alternative zur Armut zu Hause: brutale Ausbeutung in der Fremde, Verlust der Würde und der Druck der grandiosen Erwartungen der Daheimgebliebenen.

Sai hat keine Ahnung, wie die Menschen im nächsten Dorf leben; man liest britische Schriftsteller und National Geographic, Asterix und Obelix, verwendet Unterhosen von Marks & Spencer und ist peinlich berührt, wenn man merkt, dass der Mathematiklehrer das Essen mit Messer und Gabel nicht gewöhnt ist. Aber der Lehrer aus der unbekannten Unterschicht ist das einzige greifbare männliche Wesen für Sai, und so entwickelt sich geradezu zwangsweise ein Verhältnis.

Bald bietet sich für sein Gefühl der Unterlegenheit und der Wut auf die Privilegierten der Radau-Nationalismus als ein willkommenes Ventil. Dieses dumme, verwöhnte Teenager-Mädchen in dem unangemessen riesigen Haus beginnt er zu hassen. Seine Pflicht ist es, endlich den dauernd benachteiligten indischen Nepalesen zu ihrem Recht zu verhelfen. Man will mit dauerhaftem Terror einen eigenen Staat erzwingen, und da dürfen persönliche Gefühle keine Rolle spielen. Also gibt es in Kalimpong und Darjeeling einmal mehr von der Welt völlig unbeachtete "Unruhen".

Bollywood-Drama

Desais Synthese aus politischen, historischen und psychologischen Fakten mit einem Schuss Bollywood-Drama und feiner Satire mutet manchmal wie aus einem vergangenen Jahrhundert an. Doch es ist die Gegenwart, in der sich die ethnischen und religiösen Konflikte immer noch und immer wieder entladen. Die ahnungslosen TouristInnen, die sich Darjeeling anschauen wollen und in einen Ausnahmezustand hineingeraten, weil wieder einmal ein Lokalpolitiker auf offener Straße erstochen wurde, können beim besten Willen nicht hinter die exotischen Kulissen blicken. So bleibt diesen komischen Randfiguren nur der ekstatische Aufschrei, wenn der eisige Mount Everest in der Ferne sichtbar wird. Dass da seit Menschengedenken die Nepalis als Arbeiter schuften, ohne dass ihnen je eine einzige Plantage gehört hätte, müssten sie bei Desai nachlesen. (Ingeborg Sperl, DER STANDARD, Print, 7./8.10.2006)

  • Kiran Desai, "Erbin des verlorenen Landes". Deutsch: Robin Detje. 20,50/ 423 Seiten. Berlin Verlag, Berlin 2006.
ISBN: 382700683X
    cover: erbin des verlorenen landes
    Kiran Desai, "Erbin des verlorenen Landes".
    Deutsch: Robin Detje.
    20,50/ 423 Seiten.
    Berlin Verlag, Berlin 2006.
    ISBN: 382700683X
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