Zahltag in der Hasssparkasse

8. Oktober 2006, 20:08
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Peter Sloterdijks Essay über die Bewirtschaftung des Zorns Von Ronald Pohl

Zahltag in der Hasssparkasse

Peter Sloterdijks Essay über die Bewirtschaftung des Zorns Von Ronald Pohl

Es bedarf eines ungerührten Gemüts, den Vorrat derjenigen Sachgüter und Symbolvorräte, die Menschen untereinander auszutauschen pflegen, um den "Zorn", und in der Folge um dessen kälter geschmiedete Ersatzwaffen wie das Ressentiment und das Hasskalkül, zu bereichern. Die Ethiken der Antike waren insgesamt auf Mäßigung der unheilvolleren menschlichen Anlagen temperiert. Nun konnte man den Philosophen Peter Sloterdijk von Haus aus nie dem Lager der Temperenzler zuschlagen. Seine Affinitäten zu Nietzsche und Heidegger haben mit verlässlicher Regelmäßigkeit den Widerspruch all jener Moderaten erregt, die aus der Mitte der liberaldemokratischen Befriedungskultur heraus für die gesellschaftliche Vorgängigkeit maßvoller Verständigung warben. Die Pointe von Sloterdijks neuem, wortgewaltigem Großessay liegt daher eher in der "Umwertung" jener für schwächlich erkannten Werte, die unser Zusammenleben zwar sicherstellen, in jüngster Zeit aber zusehends "hass- erfüllten" Anschlägen ausgesetzt sind. Wäre es da nicht gleich gescheiter, den Regungen der destruktiven Impulsivität jene Dignität zuzuerkennen, die durch die Überlieferung längst verbürgt scheint?

Sloterdijks Geste ist die des Realisten: Er zitiert Homers Ilias als Gründungsdokument einer Hasskulturwirtschaft, die an dem Heroen Achilles die Triftigkeit der martialischen Regung im Morgendämmer der abendländischen Kultur erweisen soll: "Den Zorn besinge, Göttin, des Achilles, des Peleussohns . . .", hebt das Epos an, und mit Riesenschritten zimmert Sloterdijk unter Zuhilfenahme eines unklaren, archaischen Begriffs ein kulturelles Affektbettchen, in das er den "Regungsherd des stolzen Selbst" zur Untermiete schickt.

Die Folgen dieses rhetorischen Kunstgriffes sind so verblüffend wie unabsehbar. Denn wer in dem griechischen "thymós" nur den Willen zur Selbstverwirklichung erkennt, in ihm die Stützung eines zur Labilität verurteilten "egozentrischen" Flackerns sieht, der muss ab nun eine Kulturgeschichte der Kränkungen und des unheilvollen Frustrationsabbaus schreiben, ohne das Wirken von Aggressionspotentialen gleich von vornherein zu ächten.

Sloterdijk ist um eine weitere Volte nicht verlegen: Indem er die psychoanalytischen Therapie- und Sanierungskonzepte mit wenigen Strichen in Bausch und Bogen verwirft, öffnet er den Blick auf eine "Bewirtschaftungsform", die von affektiven Mehrwerten zehrt - von Renditen, die der brave Hasseinzahler aus den Veranlagungsprojekten diverser "Zornbanken" erhält. Als Agenturen des Wutkapitalismus fungieren zum Beispiel die monotheistischen Religionen, die einen "zornigen Gott" inthronisieren, auf dessen zuverlässiges Rachewerk sich alle diejenigen verlassen dürfen, deren Leben hienieden am Elend der Armut und der Heimsuchung krankt. Zornbanken vertrösten die zahlreich zulaufende Kundschaft mit fetten Gewinnen; der Auszahlungstag - "dies irae"! - fällt freilich heraus aus den Konjunkturzyklen des irdischen Chaos, und die Umschmelzung der Zornmassen in das subtilere Papiergeld der "Rache" und der Heimzahlung ruft Kreditfirmen auf den Plan, die aus Empörung "Klassenhass" machen - aus dem Versprechen der Glückseligkeit aber die klassenlose Gesellschaft.

Mit beharrlicher Insistenz widmet sich Sloterdijk denn auch dem Elend des Sozialismus: Ein "nichtmonetäres" Bankwesen, wie das von ihm begrifflich vorgeschlagene, entwickelt Konzeptformen der maßlosen Verausgabung, in deren kompromittierendes Pathos das "monologische" Konzept der autoritären Ein-Gott-Religionen einfließt. Mit Blick auf den Terror unter Lenin und Stalin, späterhin unter Mao behält Sloterdijk im Ganzen Recht. Nur muss auch der Theoretiker für die Vereinseitigung seiner hübsch gedachten Metapher einen ruinösen Preis zahlen: Die aus den Ressentiment-Hinterlassenschaften des Ersten Weltkriegs hervorgegangenen Hasskapitalien landen nach 1918 bei den National- oder Kreissparkassen des Faschismus, dessen Vertreter sozusagen nur aufzusammeln brauchten, was das Weltkreditinstitut des Sozialismus an Zaster unbenutzt liegen gelassen hatte.

Sloterdijk nähert sich hier auf geradezu bedrückende Weise den Einsichten des Historikers Ernst Nolte an: Wo der Sozialismus der "Komintern" eine regelrechte Weltkollekte veranstaltete, zu der jeder "Unterdrückte" sein Hassscherflein beitragen konnte, plünderten Hitler und Konsorten nur die vergleichsweise minderen Sparstrümpfe der nationalistisch Gekränkten. Phobien und Rassismen, aber auch das unheilvolle Fortwirken biologistischer Exterminierungsvorstellungen und deren Neuverkleidung in "heimatrechtliche" Wahl- und Gesellschaftskonzepte geraten dem wackeren "Wirtschaftshistoriker" damit vollends aus dem Blick. Weniger verwunderlich ist es, dass Sloterdijk unseren liberalen Demokratien ein "thymotisches" Auslaugen unterstellt - ohne doch zu verschweigen, dass potenzielle Aggressoren wie die Agenten von 9/11 der beispiellosen Akkumulation von kulturellen Werkzeugen des Interessenausgleichs in unseren Breiten nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen haben.

Und so verpufft auch das "Pfuschen" kleinerer Zornhandwerker und größerer Affektanleger - jener islamistischen Hass- prediger, deren missionsdynamisches Wirken vom muslimischen youth bulge gespeist wird. Seinem funkelnden Konzept vom Welthasskapitalismus propft Sloterdijk einige Ratslosigkeitsreiser auf: In der Tat sei es nicht vorherzusehen, wie unsere nur noch "gierdynamisch" bewegte Kultur die "Welle an genozidschwangeren Jungmännerüberschüssen" aufzufangen imstande sei. Und auch im eigenen Hinterhof flackern Schwelbrände.

Nur satisfaktionsfähig - philosophisch ernst zu nehmen seien die Neu-Thymotiker eben nicht. Sloterdijk schreibt mit Hinweis auf die Autoanzünder in den Pariser Banlieues-Unruhen: "Der Erotisierungsdruck, der auf den zum Begehren verdammten Mitspielern der gierdynamischen ,Gesellschaft' lastet, führt unvermeidlich dazu, dass sich immer mehr aufgereizte und isolierte Einzelne von unmöglichen Beziehungsangeboten umzingelt sehen." Und, mit pointierender Wertung: "In dieser Lage drängt sich die vandalische Beziehung zu den unmöglichen Objekten als die plausibelste auf. Man könnte den Vandalismus als Negativität der dummen Kerle bezeichnen und damit einen Zorn charakterisieren, der es endgültig aufgegeben hat, die Einsicht zu suchen." Man muss den alten Homer um seine in Erz geharnischten Zornbinkerln eigentlich von Herzen beneiden. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.10.2006)

  • Peter Sloterdijk, "Zorn und Zeit". Politisch-psychologischer Versuch.

¬ 23,50/360 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006.
    albumcover: suhrkamp

    Peter Sloterdijk, "Zorn und Zeit". Politisch-psychologischer Versuch. ¬ 23,50/360 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006.

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