Buchtipps zum Thema

6. Oktober 2006, 19:40
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Überdauert

Der schmale Band "Eine sträfliche Satire" (Deutsch: Hannelore Schmör-Weichenhain, € 17,-, Kortina-Verlag) von Sándor Fekete enthält ein beeindruckendes Zeitdokument mit einer abenteuerlichen Geschichte. Der 2001 verstorbene Fekete begann 1957 mit der Aufzeichnung der Spottschrift "Taschenenzyklopädie des Marxismus-Leninismus", in der ein fiktiver sowjetischer Autor namens Iwan Iwanowitsch Grosnyj in aberwitzigen Einträgen von A wie "Absolute Verelendung" bis Z wie "Zeugung" eine "Mini-Anthologie des ruhmreichen Kampfes der ungarischen Kommunisten in den letzten zehn Jahren" zusammenträgt. Bei Feketes Verhaftung 1958 wurde sein Manuskript allerdings entdeckt, er selbst zu neun Jahren Haft verurteilt, und die Zerstörung der Schrift angeordnet. Ins Heute gerettet wurde das Buch allein, weil es in den Archiven seiner Verfolger als belastendes Material aufbewahrt wurde. (pp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 10. 2006)

Versponnen

Wolfgang Koch, Journalist und ehemaliger Pressesprecher des Grünen Klubs im Parlament, hat zum 50. Jahrestag des Budapester Aufstandes einen Roman vorgelegt, der sich nicht weniger als die Geschichte Ungarns im 20. Jahrhundert zum Thema macht. "Das Glück des János" (€ 18,80, Wieser) erzählt die Biografie des jüdischen Bürgersprösslings János von der behüteter Kindheit über das Hereinbrechen von Judenverfolgung und Krieg bis zur Befreiung und Errichtung des Kommunismus. Während um ihn der Krieg tobt, heiratet János; als die Deutschen einmarschieren, liegt er mit einem Magendurchbruch im Gettospital. Nach der Befreiung wird János Kommunist und muss nach dem Aufstand 1956 fliehen. Abwechslungsreich und mit Gespür für Details erzählt Koch, wie der Sturm der Geschichte alltägliche Leben erfasst, herumwirbelt und versehrt wieder absetzt. (pp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 10. 2006)

Gegenwärtig

"Wie wäre mein Leben gewesen, wenn ich mein Land nicht verlassen hätte? Härter, ärmlicher, denke ich, aber auch weniger einsam, weniger zerrissen, vielleicht glücklich", heißt es in Agota Kristofs Erzählung "Die Analphabetin". Die in Budapest geborene, in Wien lebende Journalistin Marta S. Halpert stellt diesen Satz über die (nicht nur für Ungaren gültigen) emotionalen Folgen einer Emigration ihrem Buch Gegangen und Geblieben. Ungarn 1956 (€ 19,90, Molden Verlag)) voran. Anhand diverser Lebensläufe (etwa György Konrads, György Dalos' oder der Vecseis in Wien) schildert Halpert, wie unübersichtlich die Lage 1956 war, wie Familien auseinander gerissen und Existenzen zerstört wurden und was Menschen, trotz widrigster Umstände, zum Bleiben bewog. Ein persönliches Buch über Sehnsucht, Glück und lebenslange Folgen einer Entscheidung. (steg/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 10. 2006)

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