Das familiäre Stolpern des Fräulein Braun

8. Oktober 2006, 20:14
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Volkstheater-Premiere im "Führerzimmer"

"Ich freue mich, dass ich mit der Eröffnung des Empfangsraums das leidige Thema Führerzimmer und diesen Begriff abhaken und ad acta legen kann", gibt Michael Schottenberg zum feierlichen Anlass bekannt: Szenische Lesungen, Installationen, Diskussionsreihen, Ausstellungen und Stücke sollen in dem dunkelbraun getäfelten Raum dargeboten werden. Weshalb eigentlich nicht? Grundsätzlich ist der Idee, auch kleinste Theaterräume für ein zahlenmäßig bescheidenes Publikum zu bespielen, nichts abzusprechen. So ganz gelungen ist die Erstbespielung des reinstallierten Führerzimmers am Donnerstag dann aber nicht. Auch wenn die Szenerie 20 erlesener Publikumsgäste, die auf klösterlich spartanischen Holzbänken in unbequemer Rückenhaltung kauern und sich in familiärer Stimmung solidarisieren, durchaus ihren Reiz hat - das spezielle Erlebnis blieb aus.

Fräulein Braun, Ulrich Hubs schwarze Farce (Inszenierung: Katrin Hiller) über Hitlers Geliebte, hätte mehr Platz gebraucht, fast fühlt sich der Zuseher als Hindernis im Spielverlauf. Zwar als Zwei-Personen-Stück für nur eine Schauspielerin (Ivanka Brekalo) und einen "Schäferhund" (sehr gut: Raphael von Bargen) konzipiert, reicht dem Spiel der Raum nicht aus. Eva Braun plaudert nämlich nicht nur aus dem Nähkästchen, erzählt nicht nur von den ganz gewöhnlichen Träumen eines "deutschen Mädels", sie fährt auch rasant auf Rollschuhen durch das Zimmer, poltert knapp am Publikum vorbei, knallt gegen die Wand, stößt sich am Tisch, am Klavier, stolpert immerzu über ihr weißes Brautkleid mit langer Schleppe (die etwas bösartige Ausstattung ist von Dagmar Bald), fällt, stolpert wieder.

Trampel in Platznot

Wenn einmal nicht fallend oder am Boden liegend, vertreibt sich eine leicht nervig aufmüpfige Eva die Zeit mit Gänseblümchenzupfen, sucht, einem gierigen Trampel gleich, überall nach ihrem Schmuck und führt Buch über das Kürzen ihrer Rocksäume.

Erzählt wird die Beziehung Eva Brauns zu Hitler, von der ersten Einladung zum Leberkäsessen und darauf folgende lange Zeiten, in denen das junge Mädchen aus München erkennen muss, dass ihre Begierden keine anderen, keine exklusiveren sind als die aller deutschen Frauen. Zuerst mitleidvoll als Trampel belächelt, spielt Brekalo mit stetig steigender Souveränität das sonst recht dürftige Stück einem überraschend differenziertem Finale entgegen. Es bleibt zu hoffen, dass das Volkstheater in Hinkunft die Gestalt der Stücke besser an die des Spielraumes anpasst - die familiäre Runde könnte sich dann durchaus erwünscht fühlen. (Isabella Hager/ DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.10.2006)

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