Zyperns Schlüsselstellen

10. Oktober 2006, 13:02
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Die Fresken in Zyperns Klöstern zählen zu den besterhaltenen in Europa. Damit das so bleibt, wacht der Pappas noch selbst über den Schlüssel

Schon im Landeanflug auf Zyperns Flughafen Larnaka ist es nicht zu übersehen, das Kloster Stavrovrouni. Einer Krone gleich erscheint es einem spitzen Berg am Rande des Troodos-Gebirges aufgesetzt. Wie so oft bei den Bergklöstern Zyperns vermischen sich auch beim Kloster Stavrovrouni Legende und Wirklichkeit in der Entstehungsgeschichte. Denn der zypriotischen Überlieferung nach hat die heilige Helena selbst im vierten Jahrhundert das Kloster bauen lassen. Sie stiftete dem Kloster sozusagen als Morgengabe eine besondere Reliquie, einen Partikel vom Kreuze Christi.

Zyperns Bergklöster sind ein Erlebnis für sich. Schon um ihretwillen lohnt sich ein Besuch der Mittelmeerinsel. Es sind große und kleine Klöster, Klöster, die nur schwer zugänglich auf der Spitze von Bergen oder am Ende abgelegener Täler liegen. In manchen Klöstern leben nur noch zwei oder drei Mönche oder Nonnen, aber in fast allen wird der Besucher gastlich bewirtet, kommen die Mönche oder Nonnen und bringen ohne viel Worte süßen Kaffee, Käse oder Wein, Obst und Süßigkeiten, ehe sie dem Fremden ihre Kirche zeigen. Und in vielen dieser Klöster bekommt der Fremde ein einfaches Quartier, zumindest der männliche.

Der Höhlenheilige

Eines der merkwürdigsten Klöster ist das Kloster des heiligen Neophytos. Am Ende eines fruchtbaren Tales, das sich von Paphos aus ins Gebirge zieht, liegt es zwischen Johannisbrotbäumen und Zitrusplantagen. Das Besondere an diesem in seiner heutigen Form erst im 15. Jahrhundert entstandenen Kloster ist die Enleistra, die Einsiedelei. 1159 beschloss der heilige Neophytos, sich in die Einsamkeit dieses Tales zurückzuziehen. Er grub im weichen Gestein eine Höhle aus, in der er fortan lebte und arbeitete. Diese Einsiedelei gilt heute als der berühmteste Wallfahrtsplatz Zyperns.

Neophytos und seine Freunde, die sich alsbald zu ihm gesellten, haben drei miteinander verbundene Höhlen geschaffen, deren Wände sie ringsum mit Fresken bedeckt haben. Diese Wandmalereien in den Höhlenzellen sind ein vielleicht noch größeres Wunder als die mit den Händen gegrabenen Höhlen. Denn obschon sie inzwischen mehr als 800 Jahre alt sind, haben sie ohne jede Restaurierung bis heute ihre geradezu fantastische Leuchtkraft der Farben behalten. Diese Freskenmalereien in der Einsiedelei sind ein einzigartiges Beispiel byzantinischer Malerei, sind nur noch zu vergleichen mit den ausgemalten Felsenkirchen Kappadokiens in der Türkei.

Eindrucksvoll schon von ihrer Lage her sind die Klöster mitten im Gebirge, wie das Kloster Maccheras. Plötzlich nach der Biegung des Weges, auf dem Herden von Ziegen mit langen Schlappohren unterwegs sind, liegt es vor uns, tief unterhalb des Sträßchens, wie eine Festung im steilen Berghang. Kraftvoll heben sich die roten Dächer gegen den grünen Bergwald und den Himmel ab. Einer Ikone verdanke das Kloster der Überlieferung nach seine Entstehung. Zwei Einsiedler, Ignatios und Neophytos sollen 1172 die Ikone der Panayia, der Madonna, hier oben in einer Höhle gefunden haben. Ein blankes Schwert, so die Legende, habe das Bild bewacht. So bekam das mit finanzieller Hilfe des Kaisers Komnenos gegründete Kloster den Namen Macheras, das Messer.

Keine Pleitegeier

Geier kreisen über den Bergen des Troodos-Gebirges, als wir über eine schattige Waldstraße durch den größten Zedernwald, den es heute im ganzen Mittelmeergebiet noch geben soll, auf Kykko zufahren. Kykko, in dem einst Zyperns erster Staatspräsident, Erzbischof Makarios Abt gewesen ist, und in dessen Nähe er auch begraben wurde, war Zyperns größtes und reichstes Kloster. Einst galt es sogar als das reichste Kloster der ganzen Ostkirche überhaupt. Seine Besitzungen gingen bis nach Russland, dessen Zar dem Kloster einen heute noch ob seiner Kostbarkeit bewunderten Leuchter schenkte.

Dieser Leuchter gehört zu den besonders prunkvollen Schätzen, mit denen die Klosterkirche ausgestattet ist. Wenn seine Lichter brennen, spiegeln sie sich im Marmorfußboden und im Gold unzähliger Ikonen, die die wohl prächtigste Ikonenwand der ganzen Insel zieren. Unter ihnen ist auch die wundertätige Ikone von Kykko, die ein Bild der Panayia zeigt. Sie soll nach der Überlieferung der Zyprioten der Evangelist Lukas gemalt haben. Diese wundertätige Ikone wird, wie so oft auf dieser von Sonnenhitze und Wasserarmut geprägten Insel, von den Insulanern bei ihren Bitten um Regen verehrt.

Fresko-Fahndung

Von der vor fast tausend Jahren durch Einwanderer aus Argolis gegründeten Stadt Asinou und ihrem Kloster blieb nur die Kirche erhalten, weitab von der nächsten Siedlung in einem Waldtal zwischen Kiefern, Eukalyptus- und Mandelbäumen. Sie zu finden ist nicht ganz einfach angesichts der oft mehr als dürftigen Beschilderung an Zyperns Straßen. Hat man sie gefunden, heißt es im nächsten Dorf den Pappas mit dem Schlüssel abzuholen. Dieser Schlüssel öffnet nicht einfach nur die einsame kleine Kirche, sondern eine der faszinierendsten Welten griechisch- byzantinischer Freskenmalerei. Vom Fußboden bis zur Decke sind die Wände ringsum bemalt. Bilderzyklus reiht sich an Bilderzyklus. Über mehrere Jahrhunderte sind Bilder von Heiligen entstanden, die in der lateinischen Kirche nicht einmal dem Namen nach bekannt sind, die aber jedem Besucher Zyperns immer wieder begegnen. 1105 und 1106 sind die ältesten Jahreszahlen, die in den Malereien zu erkennen sind, die jüngsten stammen aus dem 15. Jahrhundert. Dieses leuchtende Bilderbuch zu lesen, lohnt jeden Zeitaufwand, um Asinou zu finden, um den Pappas aus dem Mittagsschlaf zu wecken und ihn zu bewegen, mit hinauszufahren zu dieser Schlüsselszene zypriotischer Geschichte. (Christoph Wendt/Der Standard/7./8.10.2006)

  • Hinter dicken Klostermauern befinden sich einige der besterhaltenen Fresken Europas.
    foto: cyprus tourism

    Hinter dicken Klostermauern befinden sich einige der besterhaltenen Fresken Europas.

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