Die Fresken in Zyperns Klöstern zählen zu den besterhaltenen in
Europa. Damit das so bleibt, wacht der Pappas noch selbst über
den Schlüssel
Schon im Landeanflug auf Zyperns Flughafen Larnaka ist es nicht zu
übersehen, das Kloster Stavrovrouni. Einer Krone gleich erscheint es einem
spitzen Berg am Rande des Troodos-Gebirges aufgesetzt. Wie so oft bei den
Bergklöstern Zyperns vermischen sich auch beim Kloster Stavrovrouni
Legende und Wirklichkeit in der Entstehungsgeschichte. Denn der zypriotischen
Überlieferung nach hat die heilige Helena selbst im vierten Jahrhundert das
Kloster bauen lassen. Sie stiftete dem Kloster sozusagen als Morgengabe eine
besondere Reliquie, einen Partikel vom Kreuze Christi.
Zyperns Bergklöster sind ein Erlebnis für sich. Schon um ihretwillen
lohnt sich ein Besuch der Mittelmeerinsel. Es sind große und kleine
Klöster, Klöster, die nur schwer zugänglich auf der Spitze von
Bergen oder am Ende abgelegener Täler liegen. In manchen Klöstern
leben nur noch zwei oder drei Mönche oder Nonnen, aber in fast allen wird
der Besucher gastlich bewirtet, kommen die Mönche oder Nonnen und
bringen ohne viel Worte süßen Kaffee, Käse oder Wein, Obst und
Süßigkeiten, ehe sie dem Fremden ihre Kirche zeigen. Und in vielen
dieser Klöster bekommt der Fremde ein einfaches Quartier, zumindest der
männliche.
Der Höhlenheilige
Eines der merkwürdigsten Klöster ist das Kloster des heiligen
Neophytos. Am Ende eines fruchtbaren Tales, das sich von Paphos aus ins
Gebirge zieht, liegt es zwischen Johannisbrotbäumen und Zitrusplantagen.
Das Besondere an diesem in seiner heutigen Form erst im 15. Jahrhundert
entstandenen Kloster ist die Enleistra, die Einsiedelei. 1159 beschloss der heilige
Neophytos, sich in die Einsamkeit dieses Tales zurückzuziehen. Er grub im
weichen Gestein eine Höhle aus, in der er fortan lebte und arbeitete. Diese
Einsiedelei gilt heute als der berühmteste Wallfahrtsplatz Zyperns.
Neophytos und seine Freunde, die sich alsbald zu ihm gesellten, haben drei
miteinander verbundene Höhlen geschaffen, deren Wände sie ringsum
mit Fresken bedeckt haben. Diese Wandmalereien in den Höhlenzellen sind
ein vielleicht noch größeres Wunder als die mit den Händen
gegrabenen Höhlen. Denn obschon sie inzwischen mehr als 800 Jahre alt
sind, haben sie ohne jede Restaurierung bis heute ihre geradezu fantastische
Leuchtkraft der Farben behalten. Diese Freskenmalereien in der Einsiedelei sind
ein einzigartiges Beispiel byzantinischer Malerei, sind nur noch zu vergleichen
mit den ausgemalten Felsenkirchen Kappadokiens in der Türkei.
Eindrucksvoll schon von ihrer Lage her sind die Klöster mitten im Gebirge,
wie das Kloster Maccheras. Plötzlich nach der Biegung des Weges, auf dem
Herden von Ziegen mit langen Schlappohren unterwegs sind, liegt es vor uns, tief
unterhalb des Sträßchens, wie eine Festung im steilen Berghang.
Kraftvoll heben sich die roten Dächer gegen den grünen Bergwald und
den Himmel ab. Einer Ikone verdanke das Kloster der Überlieferung nach
seine Entstehung. Zwei Einsiedler, Ignatios und Neophytos sollen 1172 die Ikone
der Panayia, der Madonna, hier oben in einer Höhle gefunden haben. Ein
blankes Schwert, so die Legende, habe das Bild bewacht. So bekam das mit
finanzieller Hilfe des Kaisers Komnenos gegründete Kloster den Namen
Macheras, das Messer.
Keine Pleitegeier
Geier kreisen über den Bergen des Troodos-Gebirges, als wir über
eine schattige Waldstraße durch den größten Zedernwald, den es
heute im ganzen Mittelmeergebiet noch geben soll, auf Kykko zufahren. Kykko, in
dem einst Zyperns erster Staatspräsident, Erzbischof Makarios Abt gewesen
ist, und in dessen Nähe er auch begraben wurde, war Zyperns
größtes und reichstes Kloster. Einst galt es sogar als das reichste
Kloster der ganzen Ostkirche überhaupt. Seine Besitzungen gingen bis nach
Russland, dessen Zar dem Kloster einen heute noch ob seiner Kostbarkeit
bewunderten Leuchter schenkte.
Dieser Leuchter gehört zu den besonders prunkvollen Schätzen, mit
denen die Klosterkirche ausgestattet ist. Wenn seine Lichter brennen, spiegeln sie
sich im Marmorfußboden und im Gold unzähliger Ikonen, die die wohl
prächtigste Ikonenwand der ganzen Insel zieren. Unter ihnen ist auch die
wundertätige Ikone von Kykko, die ein Bild der Panayia zeigt. Sie soll nach
der Überlieferung der Zyprioten der Evangelist Lukas gemalt haben. Diese
wundertätige Ikone wird, wie so oft auf dieser von Sonnenhitze und
Wasserarmut geprägten Insel, von den Insulanern bei ihren Bitten um Regen
verehrt.
Fresko-Fahndung
Von der vor fast tausend Jahren durch Einwanderer aus Argolis gegründeten
Stadt Asinou und ihrem Kloster blieb nur die Kirche erhalten, weitab von der
nächsten Siedlung in einem Waldtal zwischen Kiefern, Eukalyptus- und
Mandelbäumen. Sie zu finden ist nicht ganz einfach angesichts der oft mehr
als dürftigen Beschilderung an Zyperns Straßen. Hat man sie
gefunden, heißt es im nächsten Dorf den Pappas mit dem
Schlüssel abzuholen. Dieser Schlüssel öffnet nicht einfach nur
die einsame kleine Kirche, sondern eine der faszinierendsten Welten griechisch-
byzantinischer Freskenmalerei. Vom Fußboden bis zur Decke sind die
Wände ringsum bemalt. Bilderzyklus reiht sich an Bilderzyklus. Über
mehrere Jahrhunderte sind Bilder von Heiligen entstanden, die in der lateinischen
Kirche nicht einmal dem Namen nach bekannt sind, die aber jedem Besucher
Zyperns immer wieder begegnen. 1105 und 1106 sind die ältesten
Jahreszahlen, die in den Malereien zu erkennen sind, die jüngsten stammen
aus dem 15. Jahrhundert. Dieses leuchtende Bilderbuch zu lesen, lohnt jeden
Zeitaufwand, um Asinou zu finden, um den Pappas aus dem Mittagsschlaf zu
wecken und ihn zu bewegen, mit hinauszufahren zu dieser Schlüsselszene
zypriotischer Geschichte. (Christoph Wendt/Der Standard/7./8.10.2006)