STANDARD-Interview: "Die Macht der Symbole"

6. Oktober 2006, 19:23
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Der Magnum-Fotograf Erich Lessing über seine Erlebnisse während des Ungarn-Aufstandes 1956

STANDARD: Herr Lessing, Sie gehören zu den Magnum-Fotografen der ersten Generation - einer Generation, die sich in ihrer Arbeit stets dem Humanismus verschrieben sah. Sie haben nach 1945 Bilder aus dem zerstörten Europa aufgenommen und 1956 die vermutlich bekannteste Reportage vom ungarischen Volksaufstand gemacht. Doch allem Humanismus zum Trotz: Die Welt ist seither nicht besser geworden. Können Fotografien nichts bewirken?

Erich Lessing: Heute klingt das vielleicht naiv, aber meine Generation war tatsächlich ein wenig in der Illusion gefangen, wir seien Mitspieler im großen Weltgeschehen. Wir haben damals zum Beispiel geglaubt, dass die Reportagefotografie im Zweiten Weltkrieg etwas bewegt hätte.

STANDARD: Hat sie das nicht?

Lessing: Zum Teil. Da war das Rosenthal-Bild von Iwo Jima. Das war sicherlich sehr wichtig. Und auch die Bilder von Bergen-Belsen und der Befreiung des Lagers haben großen Eindruck hinterlassen. Aber den Geschichtsverlauf haben sie wohl nicht verändert.

STANDARD: Im Gegensatz zu den Fotografen des Weltkriegs fehlte es Ihrer Generation, die erst danach angefangen hat zu fotografieren, ein wenig an visuellen Ereignissen.

Lessing: Stimmt. In den ersten Jahren des Kalten Krieges ist eigentlich nichts geschehen. Und Fotografie lebt vom Drama. Die meisten Ereignisse haben sich damals aber auf diplomatischer und ökonomischer Ebene abgespielt. Da war der Volksaufstand in Budapest 1956 das erste große Ereignis, das bildlich auch wieder zu transportieren war.

STANDARD: Aber es gab während des Kalten Krieges doch auch noch Vietnam. Ein Krieg, der wie kaum einer zuvor vom Bild geprägt war.

Lessing: Ja, in Vietnam hat die Fotografie vielleicht tatsächlich zum ersten und letzten Mal zu einer Änderung der Politik eines Staates geführt. Die Bilder von May Lay haben eine Umkehr der amerikanischen Politik bewirkt. Das war aber in der ganzen Fotografiegeschichte der einzige Fall. In Budapest war das nicht so. Im Gegenteil: Budapest hat gezeigt, dass die öffentliche Meinung keinen Einfluss hat.

STANDARD: Sie waren damals schon Wochen vor dem Aufstand in Budapest. Lag da für Sie bereits etwas in der Luft?

Lessing: Eigentlich konnten wir als Reporter in diese Länder ja nicht hinein. Mit dem beginnenden Tauwetter nach dem XX. Parteitag der KPdSU hatte sich das etwas geändert. Da habe ich dem Life-Magazin vorgeschlagen, dass ich versuchen wollte, mich ein bisschen in den Staaten des Ostblocks herumzutreiben. Ich wollte wissen, wie das dort wirklich aussah und was dort journalistisch möglich war.

STANDARD: Wie haben Sie da das vorrevolutionäre Budapest erlebt?

Lessing: Ich habe damals gemerkt, dass die Fotografie ohne den Text ein extrem schwaches Medium ist. Oberflächlich betrachtet war das tägliche Leben in Budapest das einer nicht sehr reichen, aber auch nicht verarmten Stadt. In den Kaffeehäusern an der Donau gab es Five o'Clock Tea, und auch das Landleben hat eigentlich ganz gut ausgeschaut. Das, was an Unfreiheit und fehlender politischer Partizipation vorhanden war, das sah man ja nicht auf Bildern, sondern konnte allenfalls in Texten beschrieben werden. Und unter dieser Oberfläche, da brodelte es.

STANDARD: Als sich dieses Brodeln dann ab dem 23. Oktober in einem Aufstand entlud, da geschah dies zunächst durch einen symbolischen Akt. Am Abend stürzten Demonstranten das Stalin-Monument im Stadtpark.

Lessing: Das war ein sonderbares Phänomen. Ein kluger Kopf hat einmal behauptet, dass es ein Unglück für den Kommunismus gewesen sei, in Russland ausgebrochen zu sein - in einer Gesellschaft, in der Symbole vermutlich wichtiger seien als die Realität.

STANDARD: Diese Symbole tauchen auf vielen Ihrer Bilder aus dem einstigen Ostblock auf - in einer Form, die Herrschende und Beherrschte in ein eklatantes Missverhältnis setzen. Sie zeigen etwa Liebespaare vor Stalin-Monumenten in Warschau und Budapest. Auf einer anderen Fotografie sieht man ein kleines Mädchen, das etwas befremdlich vor einer Lenin-Plastik steht. Das wirkt jedes Mal so, als würden zwei vollkommen verschiedene Welten aufeinanderprallen. Denn dieser stalinistische Heroismus schien ja absolut entmenschlicht zu sein.

Lessing: Ja. Von diesem Standpunkt aus betrachtet war es sicherlich konsequent, dass zunächst die Symbole der Unterdrückung gestürzt wurden. Aber es hatte dennoch etwas Groteskes: Ich erinnere mich etwa, dass man in Györ, einer Stadt in West-Ungarn, in stoischer Ruhe damit beschäftigt war, das Leninbild im Rathaus abzuhängen. Das war zu einer Zeit, als in Budapest längst geschossen wurde. Die Menschen agierten dort geradezu so, als wenn sie nichts anderes zu tun gehabt hätten. Noch bevor es darum ging, die Macht zu festigen, machte man sich daran, die Symbole zu lockern.

STANDARD: Revolutionen scheinen von der Oberfläche her betrachtet also eine Art emblematische Verschiebung zu sein. Für einen Bildberichterstatter muss das doch ein Segen sein.

Lessing: Natürlich. Denken Sie zum Beispiel an die damals immer wieder fotografierten Fahnen, aus denen man Hammer und Sichel herausgeschnitten hatte. Für die Eroberung der Macht sollte es doch eigentlich vollkommen egal sein, wie die Fahnen aussehen. Das Absurdeste, was ich damals erlebte, war ein Schildermaler. Mitten in den Schießereien ging der ganz seelenruhig umher, machten seinen Malkasten auf und pinselte auf jedes eroberte Geschütz das Kossuth-Wappen ...

STANDARD: ... das Zeichen der ungarischen Revolution von 1848.

Lessing: Eine solche Skurrilität ist nur mit der Macht der Symbole zu erklären.

STANDARD: Zwei Jahre vor Ihrer Reportagereise nach Ungarn ist Ihr Kollege Robert Capa bei einem Bericht über den Indochina-Krieg ums Leben gekommen. Einen Monat nach Budapest starb David Seymour während einer Reportage über die Suez-Krise. Haben Sie in diesen Tagen der Revolution nie Angst empfunden - insbesondere, als die Sowjets Anfang November zurück in die Stadt kamen?

Lessing: Wenn Sie arbeiten, haben Sie keine Zeit, Angst zu haben. Da gab es diese skurrile Geschichte: Ich fahre zusammen mit einem Kollegen durch Budapest. Er sitzt neben mir, und ich chauffiere. Plötzlich geraten wir in einen Straßenkampf hinein. Als ich auf eine Hauptstraße biege, kommt uns ein Panzer entgegen. Voller Schrecken biege ich also in die nächste Seitenstraße ein, und da ruft dieser Kollege plötzlich aufgeregt: "Nein, nicht! Das ist eine Einbahn!" Verstehen Sie? Es gelten plötzlich andere Regeln. Der Kollege mochte es mir verübeln, aber ich bin dann trotzdem in die Einbahn hineingefahren.

STANDARD: Das heißt, Gefahr lauerte von allen Seiten.

Lessing: Eine Revolution ist etwas anderes als ein Krieg. Viele haben diesen Aufstand später mit der Situation in Barcelona und Madrid während des Spanischen Bürgerkriegs verglichen. Das stimmt aber nicht. In Madrid wurde von drinnen nach draußen geschossen - und natürlich umgekehrt. In Budapest ist überall "drinnen" gewesen. In einer solchen Situation gibt es kaum Orientierung. Sicher: Sie können auf einen Panzer schauen und feststellen, dass der das neue ungarische Wappen aufgepinselt bekommen hat. So können Sie vielleicht davon ausgehen, dass der auf unserer Seite ist. Aber weiß der Panzerfahrer auch, dass wir "unsere Seite" sind?

STANDARD: Die Revolutionstage in Budapest 1956 waren also ein großes Durcheinander?

Lessing: Auf jeden Fall. Man darf ja nicht vergessen, dass es da die verschiedensten Gruppierungen gab. Das war ja nicht eine Revolution. Da gab es eine sehr rechte Gruppe um Gergely Pongrátz. In der Kilián-Kaserne gab es die Stalinisten unter Oberst Pál Maléter. Dann die Reformkommunisten um Imre Nagy. Etwas außerhalb der Innenstadt hatten sich Konservative versammelt, die an der Gründung einer katholischen Partei arbeiteten. Selbst das Militär war ja keine einheitliche Gruppe. Bis heute wird etwa darüber gerätselt, wer damals die Waffenmagazine geöffnet hat. Kurz: Es war ein Chaos. Das war ja auch mit ein Grund dafür, dass die Revolution so schnell zusammenbrach.

STANDARD: Wie kommt man als Reportagefotograf in einer solchen Situation überhaupt an brauchbare Informationen? Lessing: Das läuft per Zuruf. Die meisten Journalisten waren im Hotel Duna untergebracht. Und da kam dann immer wieder einmal einer rein und sagte: "Kommt alle geschwind, in der Innenstadt wird geschossen!" Na, da haben halt alle das Essen stehen gelassen und haben sich aufgemacht. Am nächsten Tag kam ein anderer - übrigens interessanterweise immer zur Mittagszeit - und sagte: "Kommt alle geschwind, der Kardinal Mindszenty ist aus der Haft entlassen worden." Also haben wieder alle das Essen stehen gelassen.

STANDARD: Die Bilder, die Sie dann von diesen Ereignissen im Westen veröffentlichen konnten, gelten bis heute als klassische Dokumente des Magnum-Stils . Was macht den ungebrochenen Ruhm dieser Fotoagentur aus?

Lessing: Magnum war ein Vorreiter in vielerlei Beziehung: im Kampf für die Unabhängigkeit der Fotografie, im ästhetischen Ausdruck und in der Qualität. Wichtig war auch die Verschiedenheit. Die Bilder von Henri Cartier-Bresson, von Capa, aber auch die Bewegungsbilder von Ernst Haas waren in ihrem Stil vollkommen unterschiedlich. Heute aber sind diese Bildsprachen vermutlich nicht mehr entwicklungsfähig - schon weil die großen Magazine nicht mehr da sind. Mit dem Tod Henris kann man vielleicht wirklich vom Abschluss einer klassischen Generation sprechen. So gesehen leben wir vermutlich am Ende einer Periode. (Ralf Hanselle/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 10. 2006)

Erich Lessing wurde 1923 in Wien geboren. 1938 glückte dem Sohn einer bürgerlich-jüdischen Familie die Flucht nach Palästina. Nach dem Krieg kehrte Lessing nach Österreich zurück und begann eine Karriere als Fotograf für politische Reportagen. Er arbeitete für "Quick", "Life" und "Paris Match" und ist seit 1951 Mitglied der Agentur Magnum. 1955 machte er sein bis heute wohl berühmtestes Foto von der Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages. Seine Fotos vom Ungarn-Aufstand sind im Brandstätter Verlag als Buch erschienen: Erich Lessing: "Budapest 1956. Die ungarische Revolution". Mit Texten von Nicolas Bauquet, François Fejto, György Konrád. Christian Brandstätter Verlag. ¬ 39,90/252 Seiten, 200 Abbildungen.
  • Fotograf Erich Lessing erinnert sich: "Es gibt kaum Orientierung in einer solchen Situation. Sie können auf einen Panzer schauen und feststellen, dass der das neue ungarische Wappen aufgepinselt hat. So können Sie vielleicht davon ausgehen, dass der auf unserer Seite ist. Aber weiß der Panzerfahrer auch, dass wir ,unsere Seite' sind?"
    foto: matthias cremer

    Fotograf Erich Lessing erinnert sich: "Es gibt kaum Orientierung in einer solchen Situation. Sie können auf einen Panzer schauen und feststellen, dass der das neue ungarische Wappen aufgepinselt hat. So können Sie vielleicht davon ausgehen, dass der auf unserer Seite ist. Aber weiß der Panzerfahrer auch, dass wir ,unsere Seite' sind?"

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