Mein Neffe aus Budapest

6. Oktober 2006, 19:01
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Thomas Bernhards neu aufgetauchtes Manuskript zum Aufstand 1956

Thomas Bernhards Besuche in Ungarn waren rar - es blieb bei einer einzigen Privatreise 1971. Und auch die Hinweise auf das Nachbarland in seinem veröffentlichten Lebenswerk sind gering an der Zahl.

Umso größer war mein Staunen, als ich diesen Sommer als Gast der Thomas-Bernhard-Privatstiftung in Gmunden war, um an der ungarischen Übersetzung von Verstörung zu arbeiten und den Nachlass einsehen durfte. In Entwürfen und Fragmenten, den Vorstufen zum Roman, stieß ich auf die Mosaiksteine zu einer Figur, die sich als ein ungarischer Aufständischer aus dem Jahr 1956, ein "junger Mann" bzw. "mein Neffe Stefan aus Budapest" - aus der Perspektive des Ich-Erzählers - herauskristallisierte, dem dieser in der ersten Version zufällig in einem Wirtshaus, in der zweiten nach Verabredung in der Wipplingerstraße begegnet.

Dieser Begegnung gilt eine dicht beschriebene Typoskriptseite: Die Verwandten treffen sich ein Jahr nach 1956, gerade "an dem Tag, an dem Ihre Revolution zusammengebrochen ist"; der Ich-Erzähler ist erstaunt, denn er vermutete den Neffen "in einem Budapester Kerker", und der Neffe ist ständig von Angst gezeichnet, von der "Angst vor Agenten, die ihn umbringen", wie es Bernhards handschriftlicher Vermerk explizit macht. "Warum gibt es Menschen, die leben in einer Stadt ohne Angst haben zu müssen (...), und andere, die Angst haben müssen, die Angst haben, ständig Angst", fragt sich der Ich-Erzähler angesichts seines Neffen, der "von der Politik abgelenkt werden" wollte, sich nach einem "Zufluchtsort auf dem Lande" erkundigte, "Sehnsucht nach Ungarn, nach seinem Heimatland" hatte, "er konnte aber nicht mehr zurück"; und nachdem der Neffe eine "Schilderung ungarischer Landschaft, Ebene, Städte, Musik" und eine "Beschreibung des Wesens des Ungarischen" gab, auch der "Bilder der Revolutionstage", denn "da war er zuhause", waren die beiden noch zusammen "im Weißen Rauchfangkehrer", dann "im Stadtpark"; da "steht" der Neffe "gegen halb zwei" auf, "entschuldigt sich einen Augenblick"; und hier kommt es entweder zum Mord oder Selbstmord, denn: "ich höre einen Schuss, ich höre zwei Schüsse usf. der Wirt verständigte augenblicklich die Polizei; ich machte Angaben"; der Neffe "hat keinerlei Papiere bei sich; usf.".

Die tragische Figur des Budapester Neffen, eines Aufständischen von 1956, der sich politisch aktiv an den Geschehnissen beteiligt haben musste, denn warum sonst hätte er Angst vor den Agenten gehabt, und der entweder sich das Leben nahm oder tatsächlich von Agenten umgebracht wurde, ist Entwurf geblieben. Bernhard hat ihn - aus welchen Gründen immer - nicht ausgeführt. Dabei wirkt die Stefan-Figur selbst in diesem knappen Entwurf so lebendig, dass es für ihn ein Vorbild geben musste. Ein solches ist aber weder Bernhards Verwandten (siehe Interview) in Budapest noch Peter Fabjan in Erinnerung.

Wenn auf dem Blatt mit dem handschriftlichen Vermerk von der "Ruhe, die jetzt herrscht", zu lesen ist, die "gemeiner als ein offen ausgebrochener Krieg" sei, denn "die Geschwüre von heute liegen nicht auf der Oberfläche, und man kann sie nicht ausbrennen, herausschneiden oder wie man das immer getan hat, mit politischen oder gar staatspolitischen Pudern ersticken, sie liegen tief", dann wirkt das wie eine Beschreibung der Vergeltungsjahre nach dem Aufstand, als János Kádár seine früheren Mitkämpfer verriet und hinrichten ließ. Ein Vorbild für den "Neffen aus Budapest" können wir uns heute nur vorstellen, Konkretes wird sich kaum noch nachweisen lassen. Aber dass er sich im Nachlass gerade zum 50. Jahrestag jener "Revolution" blicken ließ, ist ein merkwürdiger Zufall. Ein politischer, hätte Bernhard gesagt.

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Die Materialien zu "Verstörung" im Thomas-Bernhard-Archiv, Gmunden, umfassen sieben Konvolute (NLTB, TBA W2). Die Blätter mit der Figur des Budapester Neffen befinden sich im Konvolut W 2/1b (S. 12, 15, 16, 34). (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 10. 2006)

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