Ungarische Sippe

6. Oktober 2006, 18:59
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Magda Fábián, die Tante von Thomas Bernhard, im STANDARD-Gespräch

STANDARD: Wie sind Sie mit Thomas Bernhard verwandt?

Magda Fábián: Mein Mann, Ede Fábián, war der ältere Bruder Emil Fabjans, des Ziehvaters von Thomas Bernhard. Ede und Emil sind in Wien geboren, Ede 1910, Emil 1913. Ede kam bereits als Säugling zu seiner Tante nach Ungarn - aus gesundheitlichen Gründen. Der Vater der beiden, Peter Fabjan, ist noch als Fábián Péter im westungarischen Dorf Kisszékely (südöstlich vom Balaton) zur Welt gekommen. Als Soldat der k.u.k. Monarchie diente er in Graz, heiratete das Mädchen Antonia Kubera aus Kumberg und siedelte nach Wien.

STANDARD: Ede ist nicht mehr nach Wien zurückgegangen?

Fábián: Doch, mit sechs Jahren wurde er dort eingeschult, obwohl er kein Wort Deutsch sprach. Er hat sich auch nicht wohl gefühlt und kam schon bald wieder nach Budapest zurück. Nach der achten Klasse fragte ihn Tante Zsófia, bei der er aufwuchs: Gehst du zurück nach Wien oder bleibst du hier? Wenn ja, musst du Schneider lernen. So ist er Schneider geworden. Seine Werkstatt war gegenüber der Gemischtwarenhandlung meiner Eltern.Wir heirateten 1941.

STANDARD: Emil Fabjan war damals bereits mit Thomas Bernhards Mutter, Herta Bernhard, verheiratet. Wie war der Kontakt zwischen den beiden Brüdern?

Fábián: Der ist nie abgebrochen, und solange der Vater, Péter Fábián, lebte, schrieb er regelmäßig nach Ungarn. Wir sind dann 1956 zum ersten Mal nach Österreich gefahren. Zwei Monate vor dem Aufstand. Wir haben einen Reisepass beantragt, und die Polizei hat den Antrag zu unserer großen Überraschung genehmigt. Wir haben zwei Wochen in Wien verbracht. Damals haben wir Thomas nicht kennen gelernt, nur die beiden anderen Kinder von Emil.

STANDARD: Sie kamen zurück, und der Aufstand brach los. Dachten Sie ans Auswandern?

Fábián: Emil hat uns angeboten, in Salzburg zu bleiben. Aber mein Mann wollte weder seine Tante noch meine alte Mutter in Budapest zurücklassen. Wir wohnten draußen, verfolgten die Geschehnisse vor allem über den Rundfunk. Mein Mann war leidenschaftlicher Fotograf, und nach zwei Wochen sagte er: Ich muss das sehen. Er fuhr in die Stadt und hat Fotos gemacht - es war schockierend. Diese Bilder kann man nie mehr vergessen.

STANDARD: Sie blieben also in Budapest. Hatten Sie weiter Kontakt zu Österreich?

Fábián: 1959 durften wir wieder reisen, alle drei Jahre einmal. Da sind wir auch nach Salzburg gefahren und haben auch Thomas Bernhard kennen gelernt. Ich sehe heute noch das Bild, wie er in kurzen Lederhosen reinkam: ein sehr liebenswürdiger, aufmerksamer junger Mann - sehr sensibel. Wir wussten, dass er schreibt - damals vor allem Gedichte. Er sagte, er würde in die Berge hinauf, um an etwas zu arbeiten. Wir haben mit großem Interesse seine Karriere verfolgt, auch die Umbauarbeiten in seinem Ohlsdorfer Haus. Es war rührend, wie er sich um jedes Detail kümmerte. Sein Gefühl für den guten Stil, diese zurückhaltende Eleganz, hat uns sehr imponiert.

STANDARD: Und die Fabjans? Kamen die nie nach Ungarn?

Fábián: Einmal sind die Brüder Thomas und Peter mit dem Wagen nach Ungarn gereist. Das war im Winter 1971. Für Thomas blieb das der einzige Ungarnbesuch - er hatte wohl wichtigere Ziele. Wir waren aber bis zum Schluss in Kontakt. Es war rührend, wie sich der jüngere Bruder als Arzt, um den berühmten älteren Bruder kümmerte. 1988 waren wir wieder in Gmunden, und wir verabschiedeten uns von Thomas mit den Worten, wir werden uns im nächsten Sommer wiedersehen. Dieses Wiedersehen war nicht mehr möglich.

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Magda Fábián lebt mit 80 Jahren dort, wo sie aufwuchs: im Haus ihrer Eltern im Dorf Hidegkút, das heute Budapest eingegliedert ist. Ende Oktober fährt sie zum Bernhard-Symposium nach Rom. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 10. 2006)

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