Europas Stolz gerät ins Trudeln

25. Oktober 2006, 18:54
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Die Probleme bei EADS sind hausgemacht. Seit Jahren schwelen Machtkonflikte - und jetzt setzt auch noch die Technik aus

Noël Forgeard legte bisweilen napoleonische Allüren an den Tag, wenn er bei den Airbus-Pressekonferenzen die Welteroberung ausrief: Dank dem größten derzeit gebauten Zivilflugzeug A380 sollten die Europäer wieder die Nase vor den Amerikanern haben und "Nömber 1" sein, wie der Airbus-Chef in seinem dicken französischen Akzent immer wieder prophezeite.

Diesen Sommer erlebte der quirlige und klein gewachsene Franzose zuerst sein eigenes Waterloo, als er wegen vermuteter Insider-Gewinne den Hut nehmen musste. Aus seiner Verbannung kann er nun zusehen, wie auch sein Kind ins Schlingern gerät: Der A380 reiht Lieferverzögerungen aneinander, und zwischen den vier Airbus-Partnern Frankreich, Deutschland, England und Spanien herrscht Krisen- und Alarmstimmung.

Was ist schief gelaufen? Vorrangig ist ein technisches Problem schuld, das angesichts des gewaltigen A380-Projektes wie ein Detail wirkt: Die Verkabelung des doppelstöckigen Innenraumes in der Hamburger Großwerkstätte braucht zwei Jahre länger als geplant. "Schuld sind die Deutschen!", schimpfen die Franzosen am Airbus-Sitz in Toulouse. Sie hatten die fragliche Kabel-Software selbst nach Deutschland geschickt. Bloß wusste man sich ihrer dort nicht zu bedienen, wie Le Monde wissen will. Genaueres soll eine Untersuchung ergeben. Schluderten die deutschen Ingenieure? Oder war die Software französischer Machart unbrauchbar? Oder - plausibler - haperte es bei der Umsetzung, gar der Sprache?

Nationalismen

Vielleicht wird man es nie erfahren - damit die nationalen Differenzen nicht noch zunehmen. Denn diesbezüglich liegt es bei Airbus seit Längerem im Argen. Die Franzosen ziehen die Decke zu sich rüber, raunzen Deutsche, und oft geben ihnen Briten und Spanier recht. Die Art wie sich Forgeard rücksichtslos allein an die Doppelspitze des Airbus-Mutterhauses EADS setzen wollte, wirkte wie eine Bestätigung.

Die deutsche Seite ließ sich lange Zeit buchstäblich über den Tisch ziehen. Das schwindende Interesse des deutschen Hauptaktionärs und Autobauers DaimlerChrysler an EADS-Airbus verstärkte diesen Trend. Heute steuert Berlin dagegen, wie auch politische und gewerkschaftliche Reaktionen auf den Airbus-Sparplan zeigen. Doch dies vermag den unternehmerischen Schaden nicht zu beheben, im Gegenteil.

Wie misstrauisch man sich bei Airbus beäugt, zeigt allein der Umstand, dass es in der Doppelführung eine Art grenzüberschreitendes Reporting gilt: Ein deutscher Spitzenmanager muss jeweils einem Franzosen in der nächsthöheren Hierarchiestufe rapportieren, und umgekehrt.

Kabelsalat an der Spitze

Die Kommunikation klappt nicht mehr, schon dringen Meldungen über Kabelprobleme nicht mehr rechtzeitig an die Spitze. Dort herrscht nämlich ein mindestens so großer Kabelsalat. Alle wissen, dass 16 europäische Airbus-Werkstätten zu viel sind; einige geschlossen werden müssten, wenn die Europäer mit der US-Konkurrenz Schritt halten wollen. Der neue französische Airbus-Chef Christian Streiff hatte aber diese Woche nicht den Mut, konkret zu werden. Er fühle sich "einsam", berichtete La Tribune, überzeugt, dass Streiff bereits die Fühler zu Peugeot ausstreckt, wo der Chefposten frei ist.

Doch sein Abgang wäre nur mäßig schlimm. Wichtiger ist, ob die Politiker bereit sind, einen Stellenabbau in ihrem Land zu tolerieren. In Frankreich sicherlich nicht vor den Wahlen im nächsten Frühjahr, heißt es in Paris - und in Deutschland nicht vor Frankreich, lautet dort der Tenor. Im besten Fall wird man sich einigen, die Job-Opfer gleichmäßig zu verteilen.

Gewiss, noch läuft das Geschäft mit den Flugzeugen, und die Airlines warten verzweifelt auf ihren ersten A380. Tatsache ist aber, dass Boeing längst wieder die Nase vorn hat. An der Börse hat der US-Konzern seit Jänner zwanzig Prozent zugelegt, und bis Jahresende wird es ein Drittel mehr Flugzeuge ausliefern als im Vorjahr. Da sich die aktuelle Airbus-Krise erst in einiger Zeit in den Umsatzzahlen niederschlagen wird, dürfte sich dieser Trend verstärken - was nur noch mehr Jobs gefährdet. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8.10.2006)

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    Als der Airbus A380 im vorigen Mai in London landete, war er noch ein Star. Jetzt droht der Absturz.

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