Psychoanalytisches Kino im Kopf

6. Oktober 2006, 18:30
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Sigmund Freuds Psychoanalyse wirkte vor allem auch auf die Kultur - zum Ausklang des Freud-Jahres zeigt das Berliner Filmmuseum, wie sich die Analyse im Kino manifestierte

Berlin - Sigmund Freud hielt das Kino für eine Mode, ebenso unvermeidlich wie der Bubikopf. Mit beidem wollte er entschieden nichts zu tun haben. Ein Angebot zur Drehbuchberatung vom Kino-Tycoon Samuel Goldwyn lehnte er ab, und auch mit G. W. Pabsts erster filmischer Psychoanalyse "Geheimnisse einer Seele" wollte er Mitte der 1920er-Jahre nichts zu tun haben. Umgekehrt spürten die Regisseure seiner Zeit intuitiv, welches kreative Potenzial von Freuds Modell der Dynamik seelischer Prozesse ausging.

Psychoanalytische Lehre und Kino, beide anfangs von konservativen Kulturbewahrern abschätzig beurteilt, haben ihre eindrucksvollen Erfolgsgeschichten geschrieben und die Moderne unwiderruflich geprägt. Das Filmmuseum Berlin sieht darin nicht nur eine zufällige Parallele sondern gemeinsame Strukturen, aus denen sich bis heute gültige kulturelle Schlüsseltechniken entwickelt haben.

Zum Ausklang des Freud-Jahrs, das an dessen 150. Geburtstag erinnert, wurde jetzt die Ausstellung "Kino im Kopf - Psychologie und Film seit Sigmund Freud" eröffnet, die dem spannungsreichen Wechselverhältnis aus unterschiedlichen Perspektiven nachgeht.

Sigmund Freud steht als Person weniger im Mittelpunkt als die kulturellen Diskurse, die er auslöste. Dokumente und Kunstgegenstände (Leihgaben der Freud-Museen in Wien und London), hier in neue Zusammenhänge gestellt, belegen seine Orientierung auf Sprache und Schrift. In drei historischen Kabinetten führt die Ausstellung zunächst in den Wissensstand des 19. Jahrhunderts ein.

Anhand eines Gehirnmodells wird beispielsweise die zunächst auch von Freud angestrebte naturwissenschaftliche Erklärung der menschlichen Psyche erläutert und ein Bogen zu aktuellen Forschungen geschlagen, die der Wahrnehmung und kognitiven Verarbeitung im Gehirn auf die Spur kommen wollen. Vorläufer der Kino-Apparatur wie das Stroboskop dokumentieren die analoge Erfinderlust von Ingenieuren und Forschern, das menschliche Vermögen zum Bewegungssehen für das noch nicht ausgereifte neue Medium einzusetzen.

--->Kinematografische Möglichkeiten früh genutzt

Überraschend früh entdeckten Ärzte und Forscher die Kinematografie für ihre Zwecke. Filmaufnahmen sind zu sehen, die für die Lehrvorführung von psychisch Kranken an der Pariser Salpêtrière eingesetzt wurden - Dokumente aus dem Horrorkabinett, die den Brauch ablösten, Patienten als lebende Fallbeispiele vorzuführen. Beim Betrachten fragt man sich allerdings, wie viel Inszenierung in den Posen der zumeist weiblichen Kranken mitspielte.

Der größere Teil der Ausstellung gilt den Schlüsselmotiven des Kinos, die seit Freud im kulturellen Bewusstsein fest verankert sind: Träume und ihre Deutung, die Bilderwelten des Rauschs, Narzissmus und Identität, nicht zuletzt die Schaulust als wesentliche Triebkraft für die kulturelle Etablierung des Kinos. Die Besucher können das Setting zwischen Analytiker und Analysand simulieren und den Fragen von Ingrid Bergman, Juliette Binoche, Montgomery Clift (in der Rolle Sigmund Freuds in John Hustons Filmbiografie 1962) oder Mia Farrow lauschen. Gregory Peck, Bette Davis, Julia Roberts und dem unvermeidlichen Woody Allen kann man dabei zusehen, wie sie im Kino auf der Couch liegen. Was die Themengruppen der Ausstellung jedoch auch für gesättigte Connaisseurs der klassischen Analyse-Situation vergegenwärtigt, ist die Strahlkraft psychologisch inspirierter Visualität im internationalen Autorenkino von Ingmar Bergman über Jean-Luc Godard bis Pedro Almodovár.

Was die Bildsprache des Films nicht zeigt, sondern dem unbewussten Assoziationsvermögen überlässt, hat sich im Lauf der Filmgeschichte zu jenem komplexen Reichtum an suggestiven Erzählformen entwickelt, den wir heute im Kino voraussetzen. Das Medium setzte zu Beginn nicht einfach nur die mystisch-magischen Ikonografien der Kunstgeschichte in bewegte Bilder um, es vertraute der modernen Psychologie beim Spiel mit der Fragmentierung und Montage seiner Wirkungselemente. "Kino im Kopf" ist eine unterhaltsame Begegnung mit den - nicht zuletzt psychoanalytischen - Erklärungsmustern für die Faszination Film. (Claudia Lenssen/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8. 10. 2006)

Bis 7. Jänner 2007
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Versuch des Analytikers, seinen Patienten zu hypnotisieren: Montgomery Clift in der Filmrolle des Sigmund Freud.

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