Es war einmal: Rettung durch Bilder

  • Über diese Brücke muss er gehen: Clarence John Ryan (re.) sowie Lena Stolze, Julia Krombach und Hans-Werner Meyer in "Lapislazuli – Das Auge des Bären".
    foto: centfox

    Über diese Brücke muss er gehen: Clarence John Ryan (re.) sowie Lena Stolze, Julia Krombach und Hans-Werner Meyer in "Lapislazuli – Das Auge des Bären".

Wolfgang Murnberger ("Silentium") hat unter dem eher sperrigen Titel "Lapislazuli – Das Auge des Bären" einen bewegenden Fantasy-Film für alle Altersstufen inszeniert

Hat hier jemand was von Kinderkino gesagt?


Wien – Fantasy. Wenn dieses Genre funktionieren, sprich: einen in eine fantastische Situation, eine andere, möglicherweise verkehrte Welt hineinziehen soll, dann heißt das: Ab dem ersten Moment darf selbst die gnadenloseste Behauptung nicht mehr hinterfragt werden.

Viele Erzähler und Regisseure glauben, diesen Effekt erreiche man nur durch aufwändige Effekte und Überhöhungen. Andere, und da wären wir bei den wirklichen Meistern, die halten es mit der Schlichtheit der Märchenerzähler. "Es war einmal ..." Und dieses "war einmal" sollte man am besten in einem Satz zusammenfassen können, sonst glaubt einem, je länger man dann noch herumfabuliert und das Fabulierte rechtfertigt, kein Mensch mehr.

Beispiele gefällig? Es war einmal ein kleines armes Mädchen, das von einem Wirbelsturm ins Märchenland getragen wurde: "Der Zauberer von Oz". Es waren einmal ein paar gutmütige kleine Bauern, die einen bösen Ring zerstören sollten: Tolkien. Es war einmal ein kluger Außerirdischer, den es in eine fremde Welt verschlagen hatte: "E.T."

Jähes Erwachen

Und jetzt: Es war einmal ein Junge, der die Weltgeschichte verschlafen hatte und plötzlich zur falschen Zeit aufgeweckt wurde. In Wolfgang Murnbergers Lapislazuli – "Das Auge des Bären" vollzieht sich diese Erweckung quasi in einem Atemzug: Ein Meteor rast nieder auf die Erde. Für ein junges Mädchen, das zum Fenster hinaussieht, ist dieser Meteor die sprichwörtliche Sternschnuppe, von der man sich was wünschen kann, und ein in einen Tiroler Gletscher eingefrorener Körper beginnt sich zu regen.

Als Film von Steven Spielberg wäre so ein Auftakt wahrscheinlich – siehe "E.T." – ein Jahrhundertmärchen für die ganze Familie. Im deutschen Sprachraum, wo man teilweise auch die hässlichsten Kinoplakate dieses Planeten fabriziert, rennt es zuerst einmal unter der fragwürdigen Kategorie "Kinderfilm": Wahrscheinlich, weil es um einen kleinen Steinzeitmenschen geht, der sich da in unsere Welt verirrt hat, und deswegen: auch pädagogisch wertvoll! So zumindest die PR.

Und die geht nun freilich völlig vorbei an der eigentlichen Machart und am Tonfall von "Lapislazuli". Regisseur und Co-Autor Wolfgang Murnberger (zuletzt im Kino mit der Wolf-Haas-Verfilmung "Silentium" höchst erfolgreich) – er hat weniger einen Film gemacht, in dem man auch was über die Steinzeit lernen kann, als vielmehr (und damit gar nicht so weit weg von "E.T.") die Frage gestellt: Wie lässt man jemanden wieder gehen, der nie mehr wirklich ankommen wird?

Es geht (auch) um den Tod in diesem Film, es geht um Begegnungen (und um Abschiede, auf die man im Laufe eines Lebens oft nicht vorbereitet ist. Es geht um die Sprache anderer (auch der eigenen Eltern), die man manchmal sehr komisch nicht versteht. Und es geht einmal mehr um die Freude an Bildern – egal ob diese nun an irgendwelche Höhlenwände gemalt sind, ob man sie gegen die Trauer (die Mutter des Mädchens ist gestorben) in ein kleines Heft zeichnet, oder ob sie auf eine Kinoleinwand projiziert werden. Am Ende des Films, von dem hier nicht zu viel verraten werden soll, fallen die Höhlenbilder und die Trauerbilder und die Kinobilder in eins zu einer bewegenden und dennoch unsentimentalen Trickfilmsequenz: Ein Kind tanzt im Kreise seiner Familie.

Die Schnalzlauttheorie

Man würde der Freude, die "Lapislazuli" bereitet, nicht gerecht, würde man nicht den Anteil hervorheben, den die durchwegs hervorragenden Darsteller am Gelingen dieses Balanceaktes haben:

Julia Krombach und Clarence John Ryan (Abkömmling australischer Aborigines) spielen das zentrale jugendliche Paar mit romantischem Schwung und nachvollziehbarer Freude am Spiel in der freien Natur. Und wirklich sensationell: Christoph Waltz und vor allem Gregor Bloeb als hyperalerte Urzeitforscher, die den Fund ihres Lebens wortwörtlich mit aller Gewalt verstehen und besitzen wollen. Sehr lustig zum Beispiel die Sache mit der Schnalzlauttheorie. Wenn man einen Neandertaler trifft, und man spricht ihn mit Schnalzlauten an, und er schnalzt zurück: Ist das dann eine Bestätigung der Hypothese, dass Neandertaler über Schnalzlaute kommunizieren? "Lapislazuli" wird in solchen Momenten zu allerbester Screwball Comedy, auch das ein eher ungewohntes Moment im heimischen Kino. (Claus Philipp/DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.10.2006)

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