Advent und Altweibersommer

6. Oktober 2006, 17:33
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Nikolaus Harnoncourt frischte Händels "Messias"-Oratorium auf

Wien – Die Natur lässt heuer die Ausläufer des Sommers besonders wonnig nachklingen. Im Goldenen Saal will sich zum Ausgleich der Klang von Weihnacht offenbar besonders früh Gehör verschaffen – im doppelten Wortsinn: Die Aufführung begann wegen ihrer Länge schon um 19 Uhr. Zahlreiche Zuspätkommende tippelten in einer kurzen Stimmpause in den Saal.

Mehrfach schon haben der Concentus Musicus und sein Maestro sowie Erwin Ortners erstklassig studierter Arnold Schönberg Chor bei Händels beliebtem Oratorium bewiesen, was beredtes Gestalten bedeutet. In seiner unverwechselbaren Weise ließ Harnoncourt auch diesmal Händels bildhafte Klangsprache und christliche Botschaften reich konturiert Gestalt annehmen. Ein "läuternd’ Feuer" prasselte in den Geigen ebenso unbarmherzig wie die harten Schläge, die die Geißelung Christi nachzeichneten. Sphärisch gleißender Streicherklang wiederum umfing die "Schar des himmlischen Heers". Dynamisch fein schattiert, zeigte sich der Chor als agiler Erzähler.

Die wohl beliebteste Chornummer der gesamten Oratorienliteratur – das "Halleluja" am Ende des zweiten Teils – gestaltete Harnoncourt abseits der Usancen nicht mit drängendem Schönklang, sondern verhalten, mit schüchterner Ehrerbietung. Nach und nach erst entfaltete sich die überströmende Freude des Jubels.

Die ziselierte Detailarbeit, die Chor und Orchester vorlegten, wollte den Solisten diesmal nicht ganz so geschmeidig aus der Kehle strömen. Das mag teils auch an den krankheitsbedingten Umbesetzungen gelegen sein. Christiane Oelze (statt Christine Schäfer) und die schwedische Altistin Anna Larsson (statt Bernarda Fink) meisterten alle Anforderungen korrekt und professionell. Unbeschwert schwingende Musikalität und innige Wärme hätten dem stimmlichen Potenzial aber noch zu packenderer Leuchtkraft verholfen. Tenor Charles Daniels beeindruckte vor allem in seiner ersten Arie "Comfort Ye" durch die vibratoarme Ruhe, mit der er die Töne entstehen ließ. Bass Hanno Müller-Brachmann machte zwar durch sein markantes Timbre auf sich aufmerksam, doch die näselnde Stimmführung reduzierte die Wortverständlichkeit allzu sehr. (Petra Haiderer/DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.10.2006)

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