"Verdammte Herausforderung"

25. Oktober 2006, 18:28
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Klaus Töpfer, bis vor Kurzem Chef der UN-Umweltbehörde, sieht eine Renaissance des Umweltschutzes weltweit und fordert konkrete Alternativen zur Atomkraft

Wien – Von Klaus Töpfer stammt der Satz: "Wir müssen eine Zukunft ohne Kernenergie erfinden." Diesen Satz habe er vor zwanzig Jahren zu Beginn seiner Ministerzeit in Deutschland gesagt, ergänzt Töpfer, der in den vergangenen acht Jahren Chef des UN-Umweltprogramms UNEP war. "Ich bin auch ein bisschen traurig darüber, dass man in der Zeit noch nicht so weit vorangekommen ist, wie es eigentlich notwendig ist." Auf den Einwand hin, dass in seiner Partei, der CDU, aber auch der CSU, der Atomausstieg gerade immer wieder in Frage gestellt wird, antwortet Töpfer im STANDARD-Interview: "Ich bin nicht hier, um meine Partei zu erklären, zu verteidigen, zu erläutern. Ich habe meine Meinung und bleibe bei meiner Meinung, dass man eine Entwicklung haben muss, die nicht auf eine schlichte Verlängerung von Laufzeiten von AKWs hinausläuft."

Gesamtkonzept gefordert

Dennoch gibt es nach Ansicht Töpfers, der bis zu seinem Wechsel an die Spitze der UN-Organisation als Minister in Deutschland auch für Reaktorsicherheit zuständig war, noch einiges zu tun: "Das Ausstiegsszenario, das in Deutschland von Rot-Grün mit den Kraftwerksbetreibern vereinbart worden ist, war keine Entscheidung 'per order mufti' (Befehl von oben). Da stehen zwei Unterschriften darunter. Aber man hat nicht alles daran gesetzt, um Alternativen wirklich konkret zu machen, sodass man jetzt vor der Frage steht, wo kriegen wir den Strom her? Da muss man ein Gesamtkonzept machen." Er begrüße daher, dass die nunmehrige Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Energiegipfel einberufen hat, der am Montag das nächste Mal tagt und auch die Frage der Energieeffizienz beleuchtet. "Wenn wir nicht alles daran setzen, bei den Alternativen weiter zu kommen, dann werden wir indirekt dazu beitragen, dass Kernenergie noch stärker genutzt wird. Das ist eine verdammte Herausforderung."

Töpfer, der in Wien Gastredner beim Verband der Elektrizitätsunternehmen Österreichs war, sieht auch ein Umdenken in den USA in Sachen Klimaschutz. "Wir beurteilen die USA immer von Washington aus. Bei dieser Administration ist es so, wie es ist. Aber es Schritte auf anderen Ebenen." Töpfer nennt die Klage gegen die Automobilindustrie in Kalifornien unter Gouverneur Arnold Schwarzenegger: "Das Stadion in Graz heißt zwar nicht mehr Schwarzenegger-Stadion. Aber schön langsam sollte man wieder darüber nachdenken. Denn was er da macht, braucht sich vor nichts in Europa zu verstecken."

Umdenken in China

Auch in China, wo Töpfer als Berater der Regierung und Lektor an der Universität Shanghai tätig ist, ortet Töpfer ein Umdenken. "Die Wachstumsraten in China sind massiv über die Umwelt subventioniert worden. Inzwischen wird auch berechnet, dass diese Wirtschaftsweise viele Milliarden kostet. Das kann man in China inzwischen nicht nur sagen, sondern das bekommt man von der Staatsführung auch bestätigt." Töpfer erwartet daher weltweit "eine Renaissance des Umweltschutz, weil sich das auch ökonomisch rechnet". (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8.10.2006)

  • CDU-Politiker Klaus Töpfer begrüßt den von Rot-Grün vereinbarten Atomausstieg in Deutschland.
    foto: epa/urday

    CDU-Politiker Klaus Töpfer begrüßt den von Rot-Grün vereinbarten Atomausstieg in Deutschland.

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