Alte Flüchtlingsrouten reaktiviert

16. Oktober 2006, 08:43
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Illegale Immigranten aus Afrika kommen wieder übers Mittelmeer nach Europa

Für 20 Menschen aus der Westsahara endete der Traum von Europa mit dem Tod. Am Donnerstagnachmittag wurde bekannt, dass elf Flüchtlinge, die versucht hatten, von der afrikanischen Westküste auf die Kanaren überzusetzen, von der Besatzung eines Handelsschiffs aus Seenot gerettet wurden. Ihr Schlauchboot war entzweigegangen. 20 Flüchtlinge sind laut Angaben der Überlebenden ertrunken.

Der tragische Zwischenfall zeigt, dass auch die alten Migrationsrouten trotz verstärkter Kontrolle immer wieder benutzt werden. So versuchten in den vergangenen Wochen viele Flüchtlinge ihr Glück an der Meerenge von Gibraltar und dem Mittelmeer. Dieser Weg war vor Jahren die Hauptroute von Afrika nach Spanien. Der Ausbau der elektronischen Überwachung ließ sie in Vergessenheit geraten. Die Kanaren waren fortan das Ziel.

Jetzt, wo auch die Küsten Marokkos, Mauretaniens und Senegals von Patrouillenbooten überwacht werden, versuchen es die Schlepper wieder auf den alten, viel kürzeren Routen.

Alleine an die Küsten von Almería, der östlichsten Provinz Südspaniens, gelangten seit Anfang September mehr als 1100 Flüchtlinge in kleinen Holzbooten mit Außenbordmotor. In ganz Andalusien sind es dreimal so viele. Mittlerweile kommen selbst algerische Fischerboote in Spanien an.

Minderjährige

Zu den Flüchtlingen zählen immer mehr Minderjährige. Rund ein Drittel derer, die über das Mittelmeer kommen, sind jünger als 18 Jahre; manche der Flüchtlinge haben noch nicht einmal die Pubertät erreicht. Sie suchen ohne Eltern ihr Glück in Europa.

Da das spanische Gesetz die Abschiebung von unbegleiteten Minderjährigen verbietet, solange deren Eltern nicht ausfindig gemacht werden können, sind die Heime in Südspanien und auf den Kanaren mittlerweile völlig überfüllt. In Andalusien wurden Jugendherberegen zu Notunterkünften umfunktioniert. Die Fantasie kennt keine Grenzen, wenn es darum geht, Hindernisse zu überwinden. So gelangten jüngst fünf Flüchtlinge in die spanische Exklave Melilla, indem sie sich an einem Seil von einem Sperrzaun zum anderen hangelten und so das Labyrinth aus gespannten Stahlseilen überwanden. (Reiner Wandler aus Madrid/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.10.2006)

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