Leo Wallner: "Askese zu üben wird immer schwieriger"

7. Oktober 2006, 11:26
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Der Casino-Chef und IOC-Präsident spielt nicht, sportelt nicht – und hält die Ex-Bawag-Chefs für "exzellente Banker"

Casino-Chef Leo Wallner hält das Glücksspiel-Monopol erstens für haltbar und zweitens für ein Bollwerk gegen das Böse. Renate Graber brachte ihn zu seinem ersten Spiel (zwei Euro Gewinn); ihr versicherte er, dass seine Schuhe nie mit Schönbrunner Elefanten zu tun hatten.

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STANDARD: Sie sind seit 1968 Casino-Chef und Chef der Lotterien, spielen selbst aber nie. Kennen Sie Las Vegas?

Wallner: Stimmt, ich spiele nie. Las Vegas: Ist das das Rubbellos, das Sie da mithaben?

STANDARD: Ja. Spielen Sie doch einmal, wir teilen den Gewinn.

Wallner: Ich weiß nicht, ob da ein Gewinn drauf ist, das muss man erst aufkratzen. Ich habe aber keine Münzen, weil die so dick in der Hosentasche auftragen.

STANDARD: Nehmen Sie meinen Euro. (Wallner rubbelt: zwei Euro Gewinn.) Warum spielen Sie nicht? Austria-Tabak-Chefs haben immer geraucht wie die Schlote.

Wallner: Die zwei Euro heben bitte Sie ein. Warum ich nicht spiele? Erstens wäre es unangenehm für die armen Angestellten, und zweitens soll man keine Freude an dem haben, was der Beruf ist.

STANDARD: Ich schreibe gern und sitze gern bei Ihnen, auch wenn ich ein bisserl müde bin.

Wallner: Das ist der große Unterschied zwischen künstlerischem und nicht künstlerischem Beruf. Wenn ich in ein Kasino ginge, hätte ich nicht mehr die nötige Objektivität für den Job. Ich suche meinen Spaß woanders.

STANDARD: Wo denn?

Wallner: Sage ich Ihnen nicht. Jedenfalls nicht in den eigenen Betrieben.

STANDARD: Was ist Glück für den Chef des größten einschlägigen Konzerns in Österreich?

Wallner: Zufriedenheit mit dem, was man hat.

STANDARD: Um die spielen Ihre Kunden aber nicht.

Wallner: Sie wollen ohne Arbeit und Leistung zu Geld kommen, das ist auch eine Form von Glück. Ich selbst habe auch Fortune gehabt, im Beruf. Ist aber auch ein leichter Job: Man kommt überall hin, wird eingeladen, kann gut essen ...

STANDARD: Und sitzt im Palais, das der jüdische Bankier Ephrussi von Theophil Hansen hat erbauen lassen.

Wallner: Ja, etwas überladen. Daheim habe ich's schlichter.

STANDARD: Sie sind der längstgediente Generaldirektor Österreichs, Mitte 2007 übergeben Sie an Karl Stoss. Sind Sie nicht eine Spur zu lange im Amt geblieben? Die österreichischen Kasinos schrieben zuletzt Verluste, das Glücksspielmonopol ist am Kippen.

Wallner: Das Monopol ist nicht infrage gestellt! Die Casino AG ist überall hoch angesehen. Wären wir noch im monarchischen System und wäre ich eine Frau, würden mir die Behörden die Hände küssen, weil in unseren Kasinos werden CIA und FBI nicht wegen Geldwäscherei und organisierter Kriminalität tätig. Die jüngste US-Entscheidung, wonach Internetwetten nicht mit Kreditkarten bezahlt werden dürfen, zeigt doch, dass wir richtig gefahren sind. Wir sind das einzige Unternehmen, das als Gutachter in den USA und der EU Vorschläge machen darf, die gehört werden.

STANDARD: Aber der Europäische Gerichtshof prüft das Monopol auch, nachdem ein Zeller Hotelier, der eine Kasino-lizenz haben möchte, geklagt hat. Sie glauben wirklich, dass das Monopol ewig hält?

Wallner: Ewig ist zum Glück nix im Leben, aber das Glücksspielmonopol wird noch sehr lang bestehen. Dieser Prozess läuft seit 1999; der Hotelier ist jetzt sozusagen in der letzten Instanz angelangt.

STANDARD: Sie argumentieren, "die Glücksspielfreiheit würde die Suchtgefahr und die Gefahr des finanziellen Absturzes der Spieler vergrößern". Wie begründen Sie das?

Wallner: Spiele sind ein sensibles Produkt, das Leute emotional abhängig und süchtig machen kann.

STANDARD: Aber auch im Monopol.

Wallner: Ja, aber wenn man hunderte Firmen hat, die Spiele anbieten, kann man die nicht alle überprüfen, schon gar nicht auf Geldwäsche. Ich bin überzeugt davon, dass das Monopol verhindert, dass das Glücksspiel zum Hinterhofgeschäft wird. Mich würde ein Volk von Spielern stören.

STANDARD: Suchtspieler gibt es auch jetzt. Sie sagen, Sie verwenden auf diese "viele sorgenvollen Gedanken". Klingt pastoral, nützt wenig.

Wallner: Ich mache mir aber sorgenvolle Gedanken! Wir trachten, dass die Süchte nicht so ausgelebt werden können, erlegen uns – und damit den Konsumenten – Begrenzungen, Askese auf, etwa indem wir nicht in alle Länder einsteigen: In Russland etwa waren wir nur kurz. Askese zu üben wird aber immer schwieriger, nehmen Sie nur die Lokale nahe den Grenzen oder das Angebot im Internet.

STANDARD: Apropos: Bwin steht unter Druck, die Chefs wurden in Frankreich eingesperrt, die US-Entscheidung schadet massiv. Schadenfreude?

Wallner: Ist mir fremd. Bwin geht von einer völligen Liberalisierung des Glücksspiels in der EU aus. Das ist so, als würde ich in Österreich eine AG gründen, die ein Atomkraftwerk oder eine Fabrik zur Herstellung von Gen-Mais bauen soll, obwohl das derzeit verboten ist. Kann schon sein, dass das einmal erlaubt wird, aber das eilt der Entwicklung schon sehr weit voraus. Es reduziert sich auf die Frage, ob man in Österreich ein Volk von Spielern einführen will, mit Spielsalons an jeder Straßenecke.

STANDARD: Klingt übertrieben. Der Österreicher geht doch lieber zum Heurigen, oder sehen Sie ihn wirklich zocken und wetten in der Spielhölle? Und, wissen Sie eigentlich, warum die Briten so gerne wetten?

Wallner: Das habe ich noch nicht untersucht, sicher ist nur, dass sie auf alles wetten. Vielleicht sind sie so erzogen, vielleicht macht es die Umgebung aus, der viele Regen, die Guckerschecken (Wienerisch für Sommersprossen, Anm.).

STANDARD: Sie schulden mir noch eine Antwort auf die Frage nach dem 14-Millionen-Verlust in Österreich. "Die Presse" nannte das "Casino-Paradoxon: Verlust im Monopol".

Wallner: Unsinn. Wir sind keine schlechten Monopolisten, sondern wir denken sozialer als andere. Wir haben 50 Millionen Euro zurückgestellt und dafür verwendet, dass teure Mitarbeiter freiwillig gegangen sind. Dann haben wir das Gehaltsschema reformiert. So etwas kann schon mal Verluste bringen. Heuer bilanzieren wir wieder ausgeglichen. Mit dem operativen Geschäft hatte das wenig zu tun.

STANDARD: Zum Geschäft: Wird das Casino Jericho, das Casinos, Bawag, Martin Schlaff und Palästinensern gehört, je wieder aufsperren?

Wallner: Das war ein Risikogeschäft, wir haben am Anfang gut verdient, nachdem das Kasino im Rahmen der zweiten Intifada gesperrt wurde, haben wir es bilanziell abgeschrieben. Wir sind aber mit sieben Millionen Dollar Gewinn ausgestiegen. Aus heutiger Sicht bleiben wir beteiligt, wir sperren auf, wenn wir glauben, dass nicht mehr hineingeschossen wird. Das Kasino ist tipptopp, kann für Konferenzen genützt werden, vielleicht verwerten wir das alles einmal. Derzeit geben wir noch Geld dafür aus, wir beschäftigen dort ja 40 Leute.

STANDARD: Zum Abstauben?

Wallner: Ja freilich, sonst wird ja alles kaputt. Da werden die Lampen aufgedreht, das Licht, es wird geputzt, damit keine Spinnweben entstehen ...

STANDARD: Warum haben Sie Jericho, das bei der Bawag seltsamerweise mit 120 Millionen Euro in den Büchern steht, für die der ÖGB haftet, mit Herrn Schlaff gemacht?

Wallner: Das mit den 120 Millionen verstehe ich nicht. Ich habe die Dienste von Herrn Schlaff genutzt, weil er sehr gute Beziehungen hat. Und auch meine Beziehung zu ihm ist ausgezeichnet, er ist ein Ehrenmann. In Griechenland kooperieren wir auch mit ihm, er hat die Kontakte hergestellt, die Eigentümer des Casinos Loutraki sind israelischer Provenienz. Unsere Dividenden von dort sind höher als unsere Kreditraten.

STANDARD: Finanziert hat die Bawag, in deren Aufsichtsrat Sie bis Frühling gewirkt haben.

Wallner: Wir haben sehr viel über die Bawag gemacht, weil die Verantwortlichen immer so schnell entschieden haben: Helmut Elsner, Johann Zwettler und viele andere.

STANDARD: Letztgenannte halten Sie für "exzellente Banker". Haben Sie daran gedacht, Elsner in Frankreich zu besuchen?

Wallner: Aus meiner Sicht waren sie das; auch Elsner ist ein Ehrenmann. Ich hatte aber keine Veranlassung, ihn zu besuchen. Wenn stimmt, was über ihn zu lesen ist, bin ich sehr erstaunt. Ich habe aber keine Beziehung mit ihm, habe ihn nicht geheiratet, und wir haben nie Golf gespielt.

STANDARD: Weil Sie kein Golfer sind und nicht sporteln, obwohl Sie im Internationalen Olympischen Komitee sind.

Wallner: Kommt dazu. Ich war lang im P.S.K.-, aber nur kurz im Bawag-Aufsichtsrat.

STANDARD: Enttäuscht von Ihren Ex-Bankpartnern?

Wallner: Aber was, das wäre Luxus im Geschäftsleben. Ich bin ja auch nicht enttäuscht, wenn es draußen regnet.

STANDARD: Sie nennen Ihren Arbeitsbereich einen "parapolitischen", weil Sie "sehr viel mit Parlament, Abgeordneten, Ländern zu tun" hätten. Haben Sie je wen geschmiert?

Wallner: Schmieren? Nein, das ist der falsche Ausdruck, weil wenn man das einmal tut, kommt man nicht mehr aus dem unseriösen Eck raus. Aber in einer Demokratie gibt man natürlich Unterstützungen, inseriert etwa in Zeitungen im Wahlkampf. Wer das nicht tut, ist ein dummer Mensch.

STANDARD: Geben Sie allen?

Wallner: Wenn Ihnen das Schicksal Geld anvertraut ...

STANDARD: Was es nicht tut ...

Wallner: ... dann können Sie es vergraben, oder etwas draus machen. Letzteres besteht aus Geben und Nehmen – möglichst gut verteilt.

STANDARD: Sie waren von 1964 bis 1968 Wirtschaftsberater von ÖVP-Kanzler Josef Klaus. Dann sind Sie in die übel beleumundete Spielbanken AG gegangen. Vom Teufel geritten?

Wallner: Nicht vom Teufel direkt. Ich wollte etwas aus dem maroden Unternehmen machen. Klaus hat mich verstoßen, mit den Worten "Du gehst in ein furchtbares Unternehmen, ich werde dich nie wiedersehen". Beim Rausgehen habe ich dem Tommy Klestil (damals Klaus-Sekretär, Anm.) die Tür auf den Kopf geworfen, weil er das Donnerwetter durchs Schlüsselloch verfolgen wollte. Nach zwei, drei Jahren wurde ich wieder ins Heiligtum vorgelassen. Man muss nur Erfolg haben.

STANDARD: Ganz was anderes: Was tun Sie im Aufsichtsrat des Tiergarten Schönbrunn?

Wallner: Ich gehe sonst nur in Gremien, die mit dem Geschäft zu tun haben ...

STANDARD: Erzählen Sie mir nicht, dass Pinguine spielen.

Wallner: Nein, aber, ich schätze den Helmut Pechlaner sehr.

STANDARD: Ihre Elefantenleder-Schuhe, für die Sie ebenso berühmt sind wie für Ihren Hang zum Protokoll, haben hoffentlich nichts mit diesem Mandat zu tun.

Wallner: Wenn Sie's unbedingt wissen wollen: Ich hasse Schuhe, die Falten machen. Und ich habe auf Ibiza ein Haus, dort gibt es ein Geschäft, das verkauft Schuhe, die keine Falten werfen, und die sind aus Elefantenleder. Das hier sind also keine Schönbrunner Elefanten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8.10.2006)

  • Zur Person
Leo Wallner (70) ist Chef der Casinos Austria AG und der Lotterien. Sein Vater war VP-Parlamentarier und Holzhändler, er selbst wollte Priester werden, studierte aber Welthandel, war Chef der Hochschülerschaft. 
1964 wurde er Berater von VP-Kanzler Josef Klaus, "meine aufregendste Zeit, aber verführerisch, weil man mit geliehener Macht lenken kann". 1968 ging er in die Spielbanken, aus denen er einen der weltgrößten Kasinobetriebe machte. Der gnadenlose Netzwerker wurde 1990 Präsident des Österreichischen und 1998 Mitglied des Internationalen Olympischen Comités, IOC. Spitzensport hält er "für ungesund, und wir müssen schauen, dass er sauber bleibt."
    foto: standard/hendrich

    Zur Person
    Leo Wallner (70) ist Chef der Casinos Austria AG und der Lotterien. Sein Vater war VP-Parlamentarier und Holzhändler, er selbst wollte Priester werden, studierte aber Welthandel, war Chef der Hochschülerschaft.
    1964 wurde er Berater von VP-Kanzler Josef Klaus, "meine aufregendste Zeit, aber verführerisch, weil man mit geliehener Macht lenken kann". 1968 ging er in die Spielbanken, aus denen er einen der weltgrößten Kasinobetriebe machte. Der gnadenlose Netzwerker wurde 1990 Präsident des Österreichischen und 1998 Mitglied des Internationalen Olympischen Comités, IOC. Spitzensport hält er "für ungesund, und wir müssen schauen, dass er sauber bleibt."

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