"Behandelt" und bestohlen: Prozess gegen falsche Ärzte

8. Oktober 2006, 20:01
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Dutzende ältere Wienerinnen fielen dreiköpfiger Bande zum Opfer - Für "Untersuchungen" kassiert - Inkriminierter Schaden: Mehr als 100.000 Euro

Dutzende ältere Wienerinnen sind in den vergangenen eineinhalb Jahren besonders abgefeimten Trickbetrügern zum Opfer gefallen. Die Bande meldete sich zunächst telefonisch bei den Pensionistinnen und kündigte ihnen eine Erhöhung des Pflegegeldes oder sozialer Zuschüsse an, wofür jedoch eine kurze ärztliche Untersuchung nötig sei. Wenig später klopfte es an der Tür: Während ein angeblicher Arzt die betagten Frauen in ein Gespräch verwickelte und mitunter sogar "Pseudountersuchungen" vornahm, räumten seine beiden Komplizinnen die Wohnungen leer.

Am Freitag ist im Straflandesgericht der auf vier Tage anberaumte Prozess gegen das Trio eröffnet worden. Staatsanwalt Theresia Schuhmeister-Schmatral legte dem 47-jährigen Mann, der statt einem Ärztediplom und medizinischen Kenntnissen einen Lehrabschluss als Friseur und 13 einschlägige Vorstrafen besitzt, sowie den 53 und 40 Jahre alten Frauen gewerbsmäßigen schweren Diebstahl und Betrug zur Last. 45 Fakten listete sie in ihrer Anklage auf. Inkriminierter Schaden: Mehr als 100.000 Euro.

250 bis 500 Euro in Rechnung gestellt

Die Opfer der Trickbetrüger waren laut Anklage zwischen 79 und 96 Jahre alt und dürften ganz gezielt ausgesucht worden sein. Die unbekannten Anrufer gaben sich als Magistratsbedienstete oder Vertreter allgemein bekannter sozialer Einrichtungen aus. Auf die Schliche kam man ihnen, nachdem eine 92 Jahre alte Frau zu Jahresbeginn Anzeige erstattet hatte.

Ihr hatte man am Telefon angeboten, im Hinblick auf ihr fortgeschrittenes Alter Hilfeleistungen organisieren zu wollen. Darauf hin waren zwei unbekannte Frauen in ihrer Wohnung erschienen, wobei sich eine als Ärztin ausgab und eine "Augenuntersuchung" vornehmen wollte. Währenddessen durchsuchte ihre Komplizin die Räumlichkeiten nach Schmuck und Bargeld.

Frecherweise verrechneten die Betrügerinnen dem Opfer noch 250 Euro für die "Pseudountersuchung". Da die 92-Jährige nur einen 500 Euro-Schein hatte, steckten die Täterinnen die Banknote einfach ein und suchten das Weite. Das kam der betagten Frau dann mehr als Spanisch vor, sie wandte sich an die Polizei.

Telefonüberwachung

Indem man über das Festnetz des Opfers eine Rufdatenrückerfassung durchführte, gelangten die Kriminalisten zur Nummer eines Handys, das die Bande regelmäßig benützte. Auf Basis dessen wurden weitere Opfer ausgeforscht, auch andere verdächtige Handynummern konnten ermittelt werden. Die Polizei ließ sich schließlich vom Gericht eine Telefonüberwachung genehmigen, und am 15. Mai hörte ein Beamter mit, wie die Bande eine betagte Renterin in der Possingergasse in Ottakring anrief und dieser den Besuch eines "Dr. Bauer" avisierte.

Sofort machten sich die Gesetzeshüter auf den Weg. Die Täter konnten auf frischer Tat ertappt werden - als in der Wohnung für den falschen Arzt die Handschellen klickten, hatte dieser noch Einweghandschuhe an, um offenbar eine Scheinuntersuchung durchzuführen, die sich die Ganoven übrigens in den meisten Fällen noch bezahlen ließen. 250 bis 500 Euro stellten sie ihren Opfern dafür in Rechnung.

Vor dem Schöffensenat (Claudia Geiler) hüllte sich das Trio weitgehend in Schweigen. "Sie ziehen es vor, keine Angaben zu machen. Sie machen von ihrem Recht Gebrauch, nichts zu sagen", erläuterten die Verteidiger Peter und Alexander Philipp. Das Strafverfahren soll Mitte Oktober zu Ende gehen. (APA)

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