Der Fall Kampusch: Spenden, Geld, Klagen

9. Oktober 2006, 09:42
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Foundation vor der Gründung

Wien – Mit dem World Award ist es für Natascha Kampusch erst einmal nichts geworden, sie kann dafür ganz unglamourös Verträge studieren. Dieser Tage wird der Wunsch des heute 18-jährigen Entführungsopfers realisiert, die für sie eingegangenen Spenden für karitative Zwecke zu verwenden.

Therapie vorrangig

Weniger als zwei Monate nach ihrer Flucht nach achtjähriger Gefangenschaft am 23. August lebt die junge Frau in einer betreuten Wohngemeinschaft und meidet die Öffentlichkeit. "Therapien und Behandlungen sind jetzt wichtiger", sagte ihr Anwalt Gerald Ganzger.

Ihre Foundation für humanitäre Zwecke soll in den kommenden Tagen gegründet werden. Kampusch möchte mit ihren Spendengeldern unter anderem die Bekämpfung einer Mordserie an mexikanischen Frauen unterstützen.

Erbschaft noch offen

Eine weitere Aufgabe, die Natascha Kampusch sich gestellt hat: Sie will das Haus ihres durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Entführers Wolfgang Priklopil besitzen, um zu verhindern, dass es in die Hände Dritter fällt. Die Mutter des Entführers soll jederzeit das Wohnrecht haben. Gespräche darüber müssen noch geführt werden. Neben Priklopils Mutter kommt allerdings auch der Bund als Erbe infrage. Dieser muss für den verstorbenen Täter Zahlungen übernehmen und kann daher ebenfalls einen Anspruch anmelden. Das Finanzministerium will aber verzichten.

Neue Rechtsfragen

Rund um den spektakulären Kriminalfall tut sich noch eine Reihe weiterer Rechts- und Geldfragen auf. In kaum einem Medien wurde etwa ernsthaft mit dem Eintreffen von Forderungen Dritter nach dem Urheberrecht gerechnet. Nun macht eine Fotografin, die vor Jahren die Bilder des Schulkindes Kampusch gemacht haben soll, Herstellerrechte geltend. Sie habe kein Entgelt verlangt, solange nach der Entführten gesucht wurde. Die Medienjuristin Maria Windhager erklärt dazu, dass die Bildnutzung im Interesse der Rechtspflege – also eben als Fahndungsfoto – ohnehin als freie Werknutzung zulässig war.

Recht am Bild

Die Rückkehr des Opfers hat die Situation jedoch verändert. Die Weiterverwendung der Suchbilder ist nicht mehr notwendig, womit grundsätzlich wieder Herstellerrechte geltend gemacht werden können, wenn die Fotos in Medien veröffentlicht werden – selbst wenn Kampuschs Eltern seinerzeit für das Foto bezahlt haben.

Ungefragt dürfen derzeit ohnehin keine Kampusch-Bilder gezeigt werden: Sie ist ins Privatleben zurückgekehrt, jede Verletzung ihrer Intimsphäre ist unstatthaft. Tatsächlich gibt es weiterhin "Natascha-Bilder" in Medien – sie kann diese Verstöße einklagen und ihre finanzielle Zukunftsvorsorge so ausbauen.

Nebenbei werden dabei Anwaltshonorare fällig, bis zu 3000 Euro werden für eine Intervention verlangt, noch ehe es zu einem Prozess kommt. In bestimmten Fällen zu Recht, hat der OGH befunden, das gewöhnliche Maß liegt darunter.

Klagen bringen Geld

Für Rechtsanwälte ist dies mitunter eine Möglichkeit, überhaupt zu einem Honorar zu kommen, wenn sie die Vertretung eines einigermaßen mittellosen Beschuldigten in einem spektakulären Kriminalfall übernehmen – und der Betroffene für die Öffentlichkeit so interessant ist, dass dank einer Verstöße gegen die Mediengesetze Schadenersatzklagen möglich werden. (APA, red, DER STANDARD - Printausgabe, 7./8. Oktober 2006)

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