Straw löst Schleierstreit aus

16. Oktober 2006, 07:22
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Ex-Außenminister sticht mit seinen Aussagen in ein Wespennest - Britische Muslime protestieren heftig und fordern mehr Toleranz

Eigentlich ist Jack Straw, ganz silberhaariger Gentleman, ein Politiker der ruhigen, diplomatischen Sorte. Lange war er Tony Blairs Außenminister, im Mai wurde er abserviert, um die Labour-Fraktion im Unterhaus zu führen. Jetzt aber steht Straw plötzlich wieder im grellen Rampenlicht, im Mittelpunkt einer heftigen Kontroverse um den Schleier muslimischer Frauen.

Angefangen hat es mit einer Kolumne im Lancashire Telegraph, einem Lokalblatt, das nicht eben zur Pflichtlektüre der Londoner Regierungsetagen gehört. Darin schilderte der Abgeordnete für die Stadt Blackburn Gespräche mit Wählerinnen, die einen Niqab tragen, einen Schleier, der das ganze Gesicht verdeckt und nur für die Augen einen schmalen Schlitz lässt.

Da ist eine Lady, die sich freut, dass sie endlich einmal "von Angesicht zu Angesicht" mit ihrem Volksvertreter reden kann. Straw wundert sich, weil er ihr Gesicht ja nicht sieht. Er sagt nichts, aber die nächste Muslimin, die komplett verhüllt in seinem Büro sitzt, bittet er, den Schleier zu lüften. Die Unterhaltung bringe mehr, wenn er ihr Mienenspiel sehe, nicht nur ihre Augen. Schließlich treffe man sich doch mit jemandem, um an seinem Gesicht abzulesen, was er denke.

Die unscheinbare Geschichte entpuppt sich schnell als Stich ins Wespennest. "Wie kommt der Mann dazu, Symbole einer Religion zu bewerten, die nicht seine eigene ist?", protestiert Halima Hussain, eine Anwältin. Bei Radio Ramadan in Blackburn bittet sich eine Hörerin mehr Respekt und Toleranz aus: Sie rufe halbnackten Disco-Miezen ja auch nicht zu, sie mögen sich anständiger kleiden. Massoud Shadjareh, Chef der Islamischen Kommission für Menschenrechte, zieht einen gewagten Vergleich. Man stelle sich vor, Straw würde orthodoxen Juden diktieren, was sie anziehen dürfen und was nicht - was wäre das für ein Skandal. Aber so: es gehe ja "nur" um Muslime.

Blackburn ist ein Ort, dessen Achterbahnkurve typisch ist für das nordenglische Industrierevier. In den Sechzigern wurden junge Männer aus Pakistan zu Tausenden für die Knochenarbeit in den Textilbetrieben angeworben. Bald holten sie ihre Familien nach, heute ist jeder dritte Bewohner ein Muslim. In vielen Wahlkämpfen dürfte Straw schon mit etlichen verschleierten Frauen gesprochen haben. Wieso entdeckt er erst jetzt, dass es sich zu einem Sehschlitz schlechter reden lässt als zu einem entblößten Gesicht? Mancher wirft dem Oxford- Absolventen einen billigen Profilierungsversuch vor.

Tatsächlich liegen die Gründe viel tiefer. Seit den Anschlägen vom Juli 2005 wird hinterfragt, was jahrelang als Erfolgsmodell galt. Das multikulturelle Großbritannien - hat es am Ende zu viele Nischen, ja, Gettos geschaffen?

Am drastischsten formuliert es Trevor Phillips, der die Kommission für Rassengleichheit leitet und selbst aus der Karibik stammt. "Wir schlafwandeln in die Segregation", warnt er und empfiehlt, statt dem Trennenden das Verbindende zu betonen, ähnlich wie in den USA, wo sich alle zuerst als Amerikaner fühlen. (Frank Herrmann aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.10.2006)

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    Jack Straw hat es gern, wenn er das Mienenspiel seiner Gesprächs­partnerinnen beobachten kann.

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